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^s^> MÜNCHENER SECESSION: SOMMER-AUSSTELLUNG -
P.W. KELLER-REUTLINGEN
WALDINNERES
Sommer-Ausstellung der Münchener Secession
sorgfältig und vollendet. Andre würden das
alles anders machen hoffentlich; denn
was wäre dem Stuck mit einem Doppelgänger
gedient? Wer es so, wie es gewollt ist,
besser macht, kriegt einen Thaler. Ein Brustbild
seiner Frau allein, ganz in einem grünlichen
Ton gehalten, ist als Charakteristik
vorzüglich, ebenso die „Carmen" mit dem
gierigen und herrschenden Zug um den
Mund und mit den lodernden Granatblüten
im dunkeln Haar. Auch die Saharet hat er
gemalt und ihrem Puppengesicht, zum Teil
mit durch die energische Pose, etwas gegeben
, was viel mehr an Carmen, als an
das niedliche englische Stahlstichköpfchen erinnert
, das Lenbach in den wandlungsfähigen
Zügen gefunden hat. — Auch seinen Foxterrier
, den „Pips", hat er gemalt, weiss
und ganz klein auf grossem, schwarz-gestaltlosem
Hintergrund und so gut, dass die
Leute, die ihn ansehen, vor Vergnügen
strahlen und der „Pips" schon fast so berühmt
ist, wie Lenbachs Hündchen (ich bin
ein so schwacher Kunsthistoriker, dass ich nicht
einmal seinen Namen weiss) bekanntlich
der einzige Hund Münchens, der nicht nur
in effigie, sondern in persona alle Kunstausstellungen
mit seinem Herrn besuchen
darf; und wenn er vor ein Pleinairbild kommt,
knurrt er.
Aber noch besser als der Foxterrier Franz
Stucks ist der der Schauspielerin Consuelo
auf dem Bilde Zuloaga's. Ja, wir haben
diesmal wirklich einen Zuloaga in München!
Spät kommt Ihr, doch Ihr kommt! Und
dies Porträt [das den Lesern dieser Zeitschrift
aus der im Vorjahre (XVI. Jahrgang
S. 453) gebrachten Abbildung schon bekannt
ist] ist vielleicht nicht das beste Werk des
Spaniers, aber gewiss ein sehr bezeichnendes
. Altmeisterlich in jenem besseren
Sinn, der das „meisterlich" mehr betont, als
das „alt". Von der Consuelo selbst weiss
ich gar nichts; vielleicht ist sie die spanische
Duse, das sieht man ihr dann aber jedenfalls
nicht an. Sie hat kluge, dunkle Augen,
aber ein rotes, ordinäres Gesicht, trägt ein altmodisches
Kleid in affrösem Rosa mit schofelen
Spitzen, ein ärmliches Umschlagetuch aus
weissem Tüll und leibhaftige weisse Glacehandschuhe
. Offenbar eine ihrer berühmtesten
Rollen, sonst hätte sie sich so nicht malen
lassen. Und diese seltsame Erscheinung,
dürftig und rassig zugleich in einziger Mischung
, steht in einer öden, verhungerten Landschaft
unter einem freudlos trüben Himmel.
Vor ihr sitzt ihr „Pips", und wo sein Körper
das Kleid seiner Herrin überschneidet, sieht
man bei genauerem Betrachten, dass das Weiss
seines Felles einfach über das Rosa des
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