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-<r4^> MÜNCHENER SECESSION: SOMMER-AUSSTELLUNG
gestalten, begleitet von je einem Heilung
suchenden Kranken, vervollständigen den Cy-
klus. Wie in Besnards Fresken für die Ecole
de Pharmacie, ist auch hier die Komposition
jedes einzelnen Bildes klar, grosszügig, echt
raumgestaltend; die Zeichnung, rein linear
gehalten, mit ganz wenig Schraffierungen,
prachtvoll sicher im Strich. Und überall
spricht wirkliche, tiefe Empfindung zu uns
und hilft uns über manches hinweg, was wir
uns vielleicht anders wünschen möchten, wie
den Typus Christi auf einigen Bildern oder
das seltsam wandelnde Kruzifix etwa in der
Komposition „Der Tod".
Bei den Engländern und Schotten sind es
dieselben Namen und auch dieselben Werke
fast, wie immer; „Academy" besten Ranges
ist Greiffenhagen's Bild zu jener seltsamen
antonio de la gandara bildnis
Sommer-Ausstellung der Münchener Secession
Bibelstelle von den Söhnen Gottes und den
Töchtern der Menschen; eines der vornehmsten
Bildnisse der ganzen Ausstellung das
schöne stille Selbstporträt von Ch. H. Shannon.
Zwei treffliche Themsebilder brachten die
zwei Wahl-Engländer, der Amerikaner Muhr-
mann und der Holländer Frank Brangwyn,
jener eine „Ebbe in der Themse" mit still
liegenden dunkeln Booten, schwer und ruhig,
dieser eine Ansicht der London-Bridge, wo
über den beschatteten Vordergrund mit dem
verwirrend lebhaften Treiben am Ufer und
auf dem Fluss klar und gross im Hintergrund
ein sonnenbestrahltes Gebäude in klassizistischen
Formen hereinragt. Unser in London
wohnender Landsmann George Sauter hat
sich in seinen zwei Bildern „Maiennacht"
und „Morgenunterhaltung" auf ganz wenige,
fein gedämpfte Töne beschränkt und sich in
der Beschränkung als Meister gezeigt.
Ad vocem: Landsmann kehre ich zu den
Deutschen, speziell zu den Münchnern zurück
(von anderen Deutschen z. B. aus Berlin ist
nicht viel da; schmerzlich vermisst man Max
Slevogts Fehlen, seine naturfrische starke
Kunst sollte sich München nicht gar zu
leichten Herzens entgehen lassen!).
Solange wir nicht eine monumentale, im
höchsten Sinn raumschmückende Kunst haben,
wie sie die Franzosen etwa in den Werken
Puvis' de Chavannes und Besnards haben,
wie Hans von Marees und manches von Böck-
lin sie uns versprach, solange werden wohl
die Landschaft — als Ausdruck unserer Natur-
stimmung — und das Porträt — als Ausdruck
unserer Mensc/i^nauffassung die
stofflich und psychologisch wichtigsten Gebiete
der heutigen deutschen Kunst bleiben. Dass
es mit einem Aufblühen grosser dekorativer
Kunst noch gute Weile haben wird, das weiss
jeder, der die Affaire der Wasserburger Rathauskonkurrenz
miterlebt hat. Zwei Rahmen
von Ludwig Herterich erinnern an diese
traurige Episode, können aber freilich, so aus
dem Zusammenhang der Gesamtkomposition
gerissen, nur daran erinnern, nicht es ganz
veranschaulichen, welch grosses Kunstwerk
hier durch die Weisheit einer Kommission
von Künstlern — nicht von Kritikern, ihr
Herren! - - im Entstehen erstickt worden ist.
Unter den Porträts der Ausstellung ist
übrigens auch eines direkt und in erster Linie
alsWandschmuck gedacht: Das grosse Familienbildnis
von Hugo von Habermann (s. S. 489).
Sehr bizarr, sehr lustig und lebendig wie die
beiden Eltern, der Vater im Jagdkostüm und mit
der Flinte auf dem Arm, und die vier Kinder
lachend und unter dem grellen Sonnenschein
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