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-t^35> VON AUSSTELLUNGEN UND SAMMLUNGEN
ferdinand keller seufzerallee
Jahres-Ausstellung im Münchener Glaspalast: Kunstgenossenschaft Karlsruhe
Der Begleiter der Dame, offenbar ein Roue, ist ihr
beim Aussteigen behilflich. Auf dem Strassendamm
steht ein Proletarierweib, dessen Erscheinung den
krassesten Gegensatz zu derjenigen des eleganten
jungen Dämchens bildet. Es ist ihre Mutter. Sie
hält der Aussteigenden eine halbgefüllte Schnapsflasche
entgegen und ruft der sie kaum bemerkt
habenden: »Prost Döchterchen!« zu. Um einen
wirksamen ernsten Gegensatz zu dieser Strassen-
begegnung zu geben, stellt Daelen auf der anderen
Seite des Bildes einen Priester dar, der einem
Sterbenden die letzte Wegzehrung bringt. Ein
memento mori. Die Situation ist drastisch dargestellt
und in der malerischen Behandlung stimmungsvoll
. Ausserdem hat Daelen mehrere Landschaften
, teils mit genrebildartiger Staffage, teils
ohne solche ausgestellt, sodann mehrere gute Bildnisse
, auch Studienköpfe und einige humoristische
Genrebilder, von denen ein recht drolliges Motiv,
„Fortuna« betitelt, das beste ist. F. E. Klein ist
ebenfalls mit einer grösseren Anzahl von Gemälden
vertreten, zum Teil von grossem Umfang und
älteren Datums. So sein »Urteil des Paris«, die
Darstellung des heil. Bonifazius, der bei Geismar
das Christentum predigt, Adam und Eva vor und
nach der Austreibung aus dem Paradiese u. a. Mit
vielen verschiedenartigen Bildern und sehr gut hat
sich Karl Böker an dieser Ausstellung beteiligt.
Mancher wird sein vielseitiges Können erst aus
dieser Zusammenstellung kennen lernen. Ausser
seinen Genrebildern und Studien zu denselben sind
ganz vortreffliche Studienköpfe und auch Landschaften
mit verschiedenartigen Motiven in der Zusammenstellung
; besonders interessant ist seine
Erinnerungsskizze an einen furchtbaren Orkan, der
vor Jahren auf dem Rhein wütete und grosse Verheerungen
anrichtete. Laurenz Schäfer hat
einige gute Porträts beigesteuert, von denen das
des verstorbenen Fürsten Carl Anton von Hohen-
zollern das vorzüglichste ist. Jakobus Leisten
ist mit den Gemälden »Eine Hirschjagd um 1630«,
>In Rubens Gartenlaube« und »Nach der Kirche«
gut vertreten, ferner mit Figurenbildern: Hans Bachmann
, F. Schlesinger, G. Kühl, G. Schultz,
Carl und Christian Heyden, H. Jochmus,
Johanna Kirsch, H. König, J. Scheurenberg
und Eduard Schulz-Brieren. Von H. E. Pohle
finden wir die interessante Skizze zu einer »Versuchung
des hl. Antonius«, von Theodor Rocholl
eine schneidige Kavallerie-Attacke, von W. Camphausen
zwei vorzügliche Pferdeköpfe. Sehr zahlreich
ist, wie dies immer bei Düsseldorfer Ausstellungen
festzustellen ist, die Landschaftsmalerei
vertreten. Da sind sehr gute Bilder zu finden von
Julius Klein-Diepold, der auch Porträts ausgestellt
hat, von Max Klein-Diepold, Olof Jern-
berg, Erich Nikutowsky, E. v. Bernuth, Julius
Bretz, H. Härtung, E. Spoerer,Jos. Schoyerer,
S. Lucius, Hugo Mühlig, Morten-Müller,
E. te Peerdt und A. Rasmussen. Des geistreichen
Carl Strathmann »Die Kraniche des Ibykus« sieht
man hier gern wieder, ebenso einige seiner weibliche
Köpfe. Von auswärtigen Künstlern hat sich an
dieser Ausstellung u. a. auch Louis Corinth beteiligt
. Auch gute Plastiken sind vorhanden, u. a. das
Standbild Kaiser Friedrich III. von Gottlob Deihle,
für die Stadt Schwelm in Westfalen bestimmt, sowie
bemerkenswerte Arbeiten von Alexander Iven,
Wilhelm Vögele, Leo Müsch, Carl Steffens
und Carl Müller. tz.
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