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DÜSSELDORFER AUSSTELLUNG -C^=^
PETER JANSSEN pinx.
OTTO DER
* SCHÜTZ VER-
LÄSST DIE HEIMAT
jährigen Jesus im Tempel", den „Jüngern von
Emmaus", der „Kreuzigung", der „Bergpredigt
", der „Auferweckung des Lazarus",
„Jakob und dem Engel" ein grosses, neues
Gemälde, im letzten Winter vollendet — das
Gemälde ist für eine Galerie in Essen bestimmt,
die grosse Skizze besitzt Professor Oeder —
„Christus auf dem Meere" (Abb. s. S. 554).
Es hat alle Vorzüge seiner Schilderungskunst
in einer Steigerung: die ungeheure Intensität
in der Durchdringung des Vorgangs, in den
tobenden, entsetzten, jammernden, verzweifelnden
Aposteln, dem mit Todesmut gefasst
der eigenen Kraft vertrauenden Ruderer und
dem fast stumpf das Steuer führenden Bootsmann
, die ganze Skala von Furcht und Grauen,
und dem gegenüber die ruhige, feierliche,
abweisende Hoheit Christi. In seiner fast
fanatischen Feindschaft gegen alles Konventionelle
, gegen alles Banale und Weichliche
im Ausdruck, sucht der Künstler überall die
grösste Tiefe der Empfindung, den stärksten
Anteil an dem Hauptvorgang: fast in einer
Art Krampf, wie festgesogen und fasciniert
hängen darum auf seiner Bergpredigt aller
Augen an der Hauptfigur. Und die wilde
leidenschaftliche Art, in der sich Gebhardt
selbst giebt, wenn er für seine Ueberzeugung
kämpft,
drückt er
auch all seinen
Gestalten auf. Man
denkt an Schopenhauers
Wort: Der einzige Masstab,
mit dem grosse Naturen würdig
gemessen werden, ist die Wahrhaftigkeit
. Der Vorgang verlangt hier
höchste Steigerung der Bewegung, aber
diese Unruhe hat auch den höchsten Grad
erreicht. Der Farbenaccord ist frisch und
kalt, herbe Seeluft bei bedecktem Himmel.
A.uch die Farbe ist dieser dramatischen Scene
angemessen, nichts darum von jenem feinen
und intimen koloristischen Reiz, den das
wundervolle Bild hat, dass die Düsseldorfer
Galerie von ihm besitzt, sein „Christus und
Nikodemus". Es herrscht hier mehr die Dramatik
seiner neuen grossen Wandgemälde in
der Friedenskirche.
Die Persönlichkeit von Gebhardts als Lehrer
ist viel zu stark, als dass sich ihr seine
Schüler entziehen könnten. Sie lernen alle
in seiner Sprache reden. Die Methode ist
erlernbar, sagt Condorcet, aber nicht das
Genie. Der feinste Künstler unter ihnen
ist Louis Feldmann, der in seinem „Jüngling
von Nain" ein liebenswürdiges, stimmungsvolles
Werk geschaffen hat, der energischste
Edmund Massau. Auf ganz selbstständigen
Bahnen sucht der junge und sehr
talentvolle Josef Winkel mit seinem „Totentanz
" zu wandeln. Höchst interessant ist es
zu beobachten, wie die Gebhardtsche Art
jenes Nazarener Epigonentum der Schule
Karl Müllers ganz verdrängt und die ganze
religiöse Malerei langsam gewandelt hat: nur
in Heinrich Lauenstein hat diese von hohem
Schönheitssinn getragene Richtung noch eine
vornehme Vertretung gefunden.
Die grösste Ueberraschung für den fernerstehenden
Beobachter brachte die Ausstellung
der Werke Peter Janssen's. Janssen ist
seit 1895 Direktor der Akademie, aber schon
seit mehr als zwei Jahrzehnten der eigentliche
Diktator der Düsseldorfer Kunstschule.
Unsere Monumentalmaler kommen auf den
modernen Ausstellungen ja regelmässig zu
kurz, wenn sie nicht von Zeit zu Zeit mit
einem Tafelbild wieder eine Visitenkarte abgeben
. Und wenn ihre Werke, soweit sie
nicht auf die Wand gemalt sind, einmal aus-
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