Augustinermuseum Freiburg i. Br., [ohne Signatur]
Die Kunst: Monatshefte für freie und angewandte Kunst
München, 6. Band.1902
Seite: 52
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http://dl.ub.uni-freiburg.de/diglit/die_kunst_06_1902/0064
KUNST FÜR DIE ARMEN

Whitechapel ist ein Name, den man nicht
leicht im Zusammenhange mit Kunstfragen
nennen wird. In jenem entlegenen
östlichen Stadtteile Londons, den man nur
als den Ort von Armut, Elend, Verkommenheit
und Verbrechen kennt, hat sich trotzdem
im Verlauf der letzten Jahrzehnte eine künstlerische
Bewegung zu immer grösserer Kraft
entwickelt, die man als eine durchaus neuzeitliche
Kulturerscheinung von grosser Tragweite
wird ansehen müssen. Es handelt sich
um das Unternehmen, jenen Armen des Ostens,
die täglich den Kampf ums Dasein kämpfen,
durch Vorführung von Kunstwerken einen
Schimmer der höheren Lebensfreude der besser

PAUL MÖBIUS « HAUSEINGANG ZU
GEGENÜBERSTEHENDEM WOHNHAUS

gestellten Klassen zugänglich zu machen. Man
hofft dadurch einen veredelnden Einfluss auf
Herz und Gemüt, ein Erziehungswerk zu Sitte
und Ordnung auszuüben.

Da die neue Kunstbewegung, deren Wurzelpunkt
in England in dem Präraffaelismus lag,
recht eigentlich eine Gegenbewegung gegen
den Akademismus und die hochmütigen Flachheiten
der damaligen sogenannten Kunstpflege
der oberen Stände war, so lag ihr von Anfang
an etwas Demokratisches, zum Volke Sprechendes
zu Grunde. Schon Rossetti erteilte freiwilligen
Zeichenunterricht an die Arbeiter des
Ostens. Morris, Burne-Jones und Walter
Crane wurden Sozialisten in der Überzeugung,
dass sie gerade auf diese Weise
die Aufgabe der Kunst lösen
könnten, „das Leben freudiger
zu gestalten", dass es vor allem
gelte, den breiten Massen diese
von der Kunst gewährte höhere
Lebensfreude zugänglich zu
machen. So kam es, dass in
England die neue Kunstbewegung
die Nebenbedeutung erhielt
, eine Kunst zu werden,
die nicht nur für die Reichen
geschaffen war, sondern die sich,
wie die Religion, vor allem auch
an die Bedrückten und Elenden
richtete.

Eine andere Bewegung kam
diesen künstlerischen Strömungen
zu Hilfe, es waren die
vorzugsweise von den Universitäten
Cambridge und Oxford
ausgehenden Unternehmungen,
dem niederen Volke, vor allem
der Arbeiterbevölkerung, die
Wissenschaft in populärer Form
zugänglich zu machen durch
Gründung von vollständig frei
zugänglichen Lehr- und Lernstätten
in ihrer Mitte. Man
fasst diese Bewegung unter der
Bezeichnung University-Exten-
sion zusammen, und ihr Mittelpunkt
im Osten von London ist
das Gebäude Toynbee Hall. Im
Zusammenhange mit Toynbee
Hall war es auch, dass man
vor etwa zwanzig Jahren zuerst
den wichtigen Schritt that,
regelmässige Gemäldeausstel-

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