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-^4s£> ELISABETH ERBER ~(^=^
KISSEN
EIN WORT ZU DEN ARBEITEN
VON ELISABETH ERBER
In einigen der hier abgebildeten Arbeiten
Fräulein Elisabeth Erber's scheint uns
etwas zu liegen, was wir in sehr vielen
modernen ornamentalen Arbeiten bis jetzt
vermissen. Die. Unvollkommenheit des bisher
erlangten Stadiums in der Verwendung
der Pflanzen im Ornament und den dekorativen
Künsten glauben wir darin zu sehen,
dass man die Möglichkeiten, die in ihrer
Verwendung liegen, noch viel zu wenig ausgenutzt
hat, und dass die Künstler das unerschöpfliche
Leben, das in der Pflanzenwelt
verborgen liegt, womöglich noch weniger beachten
als früher. Das Blumenstück als
solches ist oft nicht weiter gediehen als bis
zu dem blossen Darstellen farbig hübsch
wirkender Blumenarrangements. Die unzähligen
Blumenmuster hingegen begnügen
sich nur zu oft mit blosser wirkungsvoller
Verteilung der Massen im Räume und netter
Linienführung. Ist das nun alles, was das
Pflanzenmotiv uns zu geben vermag? "Wir
glauben es nicht. Wir können hier sogar
sehen, dass eine Künstlerseele, welche die
Natur nicht als blosse Musterlieferantin ausbeutet
, sondern ihr nachzuleben versucht,
uns auch Neues zu geben vermag. In der
ersten Abbildung auf Seite 57 sehen wir
eines von den dekorativen Mustern, wie es
deren jetzt viele giebt. Es spricht daraus
wie in der ersten Abbildung auf Seite 59
ein gewisser Sinn für wirkungsvolle Verteilung
von dunklen und hellen Massen im
Räume, schwerlich mehr; und auch die gebogenen
Linien drücken kein inneres Leben
aus. Sie sind eben bloss gebogen. In der
zweiten Abbildung auf Seite 59 liegt schon
etwas mehr Bewegung in den Stielen der
Schlingpflanze; nur schlingen sie sich eben
um nichts. In den übrigen Arbeiten nun
hat die Künstlerin, einem instinktiven Triebe
folgend, aus dem Illustrationsformate, der
Mustermisere und dessen dürftigem Gehalte
herauszukommen, ganz grosse Formate gewählt
, wo die Pflanze in vierfacher Natur-
grösse erscheint, und erreicht auch mit der
ausserordentlich energischen Konturlinie eine
ungewöhnliche Kraft des Ausdruckes. In der
ersten Abbildung auf Seite 58 ist die Linienführung
durch die grosse Kurve erreicht und
die dekorative Wirkung durch die fünf blauen
Glockenblumen. Aber diese Kurve ist nicht
eine beliebige modern gebogene Linie, sondern
sie sagt etwas aus; sie ist die Senkung
einer welkenden Pflanze im Herbste, wo jedes
Blatt im Welken sich fast qualvoll krümmt.
Die Spinngewebe ziehen den Stengel vollends
zu Boden. Im Ganzen liegt etwas von dem,
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