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-S5*4sö> ELISABETH ERBER «(^^
was wir eben „Ausdruck" nennen möchten.
Es sind zwar oft genug Herbstblumenstücke
gemalt worden, doch erreichte man die
Herbstwirkung vielleicht mehr durch blosse
herbstliche Laubfärbung und im besten Falle
durch eine „landschaftlich" hinzugefügte
Luftstimmung als durch die Wiedergabe des
Zaubers der herbstlich hinsterbenden Blume
selber. Einen intensiven Lebensinhalt hat
auch die Arbeit Abbildung 2 auf Seite 58.
Das linear Wirkungsvolle ist die kraftvolle
Gegenbewegung der beiden Eschenzweige und
das Dekorative daran die grossen braunen und
grünen Knospen, die gute Farbenwirkungen
im Räume abgeben. Das innere seelische
Leben steckt jedoch in der konzentrierten
Wachstumsenergie der knorrigen Zweige, in
demjSaftstrotzenden der Knospen, dem Platzen
bruno paul « bücherschrank aus mahagoni
und wassereiche (ges. gesch.)
der Spitzen in junger Frühlingslust. An sich
schon in der Natur entzückend, ist dieses Leben
hier mit einem Nachdrucke jedes Striches verstärkt
, dass es weit über die Natur hinaus
geht und Kunst wird, Kunst des Ausdruckes.
Noch stärker kommt diese Fähigkeit des
Künstlers, in uns gesteigerte Gefühle zu erregen
, in der Arbeit Abbildung 3 auf Seite 58
zur Geltung. Jeder Strich drückt intensiv
auch hier das müde Welken, das Sterben,
das Leiden der Pflanze aus, und bis zur
Motte hinab, die nächtig darüber kriecht,
wird alles zum Symbol unserer eigenen
leidenden Menschenseele. Aber eben diese
Kraft des Ausdruckes ist nur erreichbar
dadurch, dass man neben dem seelischen
Inhalte sich gleichzeitig alle Errungenschaften
der modernen dekorativen Bewegung, die
Kraft der einfachen Wirkungen, die
Konzentration der Bewegungen zu
nutze macht. Wir sehen in dieser
Gleichzeitigkeit der innerlich poetischen
und der äusserlich optischen
Ausdrucksmittel das eigentliche
Wesen der grossen ornamentalen
, dekorativen und monumentalen
Kunst unserer deutschen
Zukunft, und in solchen
Arbeiten, wie die vorliegenden,
so eingeschränkt sie in ihrem
Inhalte auch manchen erscheinen
mögen, spüren wir einen Hauch
eben dieser deutschen Zukunft.
Kürzlich sagte uns einer
der eifrigsten Vorkämpfer für
van de Velde's an sich hochinteressantes
, aber ungestaltetes
und unvorstellbares Ornament,
dass er mit dem besten Willen in
allen Ornamenten Eckmann's und
Pankok's nur bessere Brandmalereien
sehen könne. In einer solchen
Zeit da gilt es, glauben wir, fest
zusammenzuhalten und zu zeigen,
dass wir, über alle Verstandesarbeit
hinweg doch noch sind und
bleiben ein Volk, welches, wie es
in der Musik nicht blosse Töne
machte, sondern sang und jauchzte
und lebte, so auch in der grossen
Kunst der Bewegungen, die wir
das Ornament nennen, nicht bloss
abstrakte Linien geben, sondern
lebendig darstellen will, was ihn
in der Natur entzückt oder was
ihn im Innern der Seele schmerzlich
und freudig bewegt.
Hermann Obrist
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