http://dl.ub.uni-freiburg.de/diglit/die_kunst_06_1902/0094
-=^4^> LUXUSKUNST ODER VOLKSKUNST? <^c-
haus lange, tübingen
dabei heraus kommt? Oder umgekehrt.
Lassen wir die vortreffliche Frau Kommissionsrat
X. in ein Möbelgeschäft eintreten.
Wissen wir nicht alle, was sie da kaufen wird?
Vor zwei Jahren schrieb die Firma F. eine
Konkurrenz aus für ein Wohnzimmer für die
minder bemittelten Klassen. Die Jury entschied
sich nach heissem Kampfe für den
Entwurf des Künstlers Riemerschmid. Dieses
Zimmer gehört noch jetzt zu dem Besten und
tadellos Wahrsten und Geschmackvollsten, was
an gesund-praktischen Möbeln bis jetzt gemacht
wurde. Der Verkaufspreis wurde zu
340 Mark angesetzt, um den einfachen Mann
zu animieren. Als wir das letzte Mal davon
hörten, war es einmal verkauft worden. Dem
einfachen Manne war es zu einfach, dem
Gebildeten nicht minder. Seitdem macht die
Firma wieder gangbare Ware. Nur so kann
sie sich halten. Zum Ueberflusse sorgen
auch noch die Herren Arbeiter durch ihre
Lohnansprüche dafür, dass eine gute und
doch billige Sache ein holder Traum bleibt.
Noch will das Volk gar keine einfache,
gesunde Volkskunst, ebensowenig wie es
Bedürfnis nach Hygiene hatte. Das Volk
will etwas, das nach was aussieht. Und wie
die Welt vielleicht dereinst den Chinesen
gehören wird, weil sie sich so stark vermehren
, so wird die Firma siegen, die dem
Volke in grösster Menge und zu den billigsten
Preisen das giebt, wonach es giert.
So glaubst du nicht an Volkskunst?
Doch, wir müssen uns nur darüber
einigen, was wir darunter verstehen wollen.
Verlassen wir zu diesem Zwecke diese
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