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er nicht — für die Phantasie Löcher in
die Gefässwand schlägt. Der Gegenpol der
griechischen Gefässe sind die Porzellanvasen
des Rokoko mit ihrem Mangel an praktischer
Brauchbarkeit, mit ihren phantastisch
spielenden Linien ohne jeden konstruktiven
Grundgedanken, endlich mit ihren aufgemalten
Landschaften, die ebensogut Tafelbilder sein
könnten.
Gewiss lassen sich künstlerische Wirkungen
auch durch rein malerische Effekte, unbestimmte
Farbenspiele, und phantastische Ge-
fässformen erzielen; die japanisch-chinesische
Keramik und manche neuesten Bestrebungen
beweisen es. Aber es bleibt eine niedrigere,
primitivere Art der Wirkung. Eine Weiterentwicklung
der Keramik auf gesunder Grundlage
wird immer nur mit Hilfe der klaren,
konstruktiv gewachsenen Form möglich sein,
und mit Dekorationssystemen, welche klare
Naturformen verwenden, Pflanzen und Tierornamente
oder das wundervollste Naturgebilde
, die menschliche Gestalt.
Die Griechen sind Meister darin, den
menschlichen Körper ornamental und sogar
konstruktiv zu verwerten, ohne dass der Bewegungsfreiheit
des Körpers der geringste
Eintrag geschieht. Die Karyatiden des Erech-
theion wirken wie unerschütterlich feste Säulen
und stehen doch so frei und anmutig da, als
seien sie jeden Zwanges ledig. Auf den
griechischen, namentlich den attischen Thon-
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