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-^4^> GRIECHISCHE GEFÄSSMALEREI
ABSCHIEDSSCENE VON EINER ATTISCHEN AMPHORA (MÜNCHEN)
ihrem Sohn Apollon erschlagen) ist die
Füllung eines Schaleninneren wie Abbildung 1.
Hier liegt sicher die Komposition eines Monumentalgemäldes
zu Grunde, aber dieses ist
nicht einfach kopiert (wie es die modernen
Porzellanmaler thun), sondern verein facht
und der gegebenen Rundform angepasst. Der
Stil ist noch etwas altertümlich streng, etwa
um 460 vor Christus, die Bewegung der
Frau noch ein wenig unfrei.
Zu welcher Leichtigkeit und Freiheit man
ein Menschenalter später gelangt war, zeigt
Abbildung 4, ein Bruchstück von der Vase
des Meidias (im British Museum zu London)
aus der Zeit der Giebelskulpturen des Parthenon
, etwa 430 vor Christus, ein Stück von
lebhaftester graziöser Bewegung, reizendstem
Linienspiel der Gewänder und einer diskreten
malerischen Wirkung, die durch reiche Einzelheiten
an Gewand und Haar und durch
schwache Vergoldung plastisch erhöhter Teilchen
(Armbänder, Knöpfe des Gürtels) gehoben
wird.
Am klarsten lassen sich die Ziele der
griechischen Vasenmaler an Abbildung 5 erkennen
. Um die Henkel des hohen schlanken
Gefässes spielen leichte Palmettenornamente.
Dazwischen ist die Hauptfläche mit vier
grossen Figuren gefüllt. Einem jungen Krieger
kredenzt die Gattin den Abschiedstrunk,
Vater und Mutter stehen teilnehmend dabei,
ein ausdrucksvolles Bild einfacher menschlicher
Empfindungen. Aber unbeschadet ihres
innern Lebens sind diese hohen schlanken
Gestalten mit den vielen senkrechten Linien
eine wundervoll strenge und doch wieder
belebte Raumgliederung, durch die der Haupt-
accent der Gefässform, das schlanke Aufstreben
, wiederholt und vervielfacht wird.
Das Gefäss gehört in die ältere Zeit des
Phidias, als er seine Athena Parthenos schuf,
etwa 450—440 vor Christus; es atmet den
Geist erhabener Einfachheit.
Für die Redaktion verantwortlich: H. BRUCKMANN, München.
Verlagsanstalt F. Bruckmann A.-G. München, Nymphenburgerstr. 86. — Druck von Alphons Bruckmann, München.
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