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füllung in eichenholz geschnitzt von f. a. schütz, hofmöbelfabrik, leipzig
BAUTEN VON PETER DYBWAD
Von Fritz Schumacher
Das Einzelwohnhaus wird immer den Massstab
dafür abgeben, inwieweit die Geschmackstendenzen
einer Zeit fähig sind, dem
allgemeinen Bedürfnis zu genügen. Die Frage
ist nicht gleichgültig. In geistigen Dingen mag
es wohl von keiner einschneidenden Bedeutung
sein, ob sie auf das direkte Echo ihrer
Zeit zugeschnitten sind, der Ton kann noch
wiederklingen, wenn längst eine andere Generation
gekommen ist; derjenige aber, der in der
angewandten Kunst schafft, kommt nur zu
eigentlichem Leben, wenn seine Kunst auch
wirklich angewandt wird und nicht nur
Luxusartikel oder interessanter Ausstellungsgegenstand
bleibt.
Ganz allgemein pflegt aber augenscheinlich
die Notwendigkeit einen vollständigen Wohnorganismus
im Sinne der neuen Bestrebungen
auszugestalten, die auffallenden künstlerischen
Züge, die in einzeln entstehenden Räumen
sich noch ungehindert entwickeln, wesentlich
abzudämpfen. Die Empfindung gewinnt die
Oberhand, dass der Wert eines solchen
Wohnorganismus weniger in der auffallenden
Originalität der Einfälle, als in dem Reiz der
Gesamtdispositionen, der intimen kleinen
Effekte des praktischen Ineinandergreifens all
seiner Einzelheiten besteht. Das künstlerische
Grundprinzip ist dabei je enger und detaillierter
eine Anlage dem Bedürfnis angepasst ist, Ruhe
und Geschlossenheit.
Bei Patriz Huber's Arbeiten, bei Riemer-
schmid's eigenem Heim, bei der Wohnung
des „Insel" -Herausgebers konnte man das in
allerletzter Zeit deutlich wahrnehmen; das
sind Schöpfungen, die das Zeichen der Modernität
nicht mehr wie einen Protestruf vor
sich hertragen, sondern deren Modernität
innerlicher liegt, unsichtbarer — aber auch
sicherer.
Es ist immer eine besondere Freude solchen
Männern zu begegnen, die nicht aus Protest,
sondern sozusagen ganz von selber aus den
Konsequenzen ihrer künstlerischen Ueber-
zeugung „modern" arbeiten; sie machen
weniger von sich reden, aber sie üben durch
ihre unvermerkte reformatorische Thätigkeit
besonders wohlthuenden Einfluss aus.
Peter Dybwad ist ein solcher; er gehört
nicht zu den Künstlern, bei denen das Neuzeitliche
sich äussert in deutlich ausgeprägten
Merkmalen seiner Formenwelt, sondern wo
der moderne Geist sich äussert in der ganzen
lebendigen Auffassung einer Aufgabe und
in ihrer reifen Durchbildung im Sinne der
verfeinerten Bedürfnisse unserer Zeit und
ohne Zuhilfenahme leerer stilistischer Rezepte.
Dybwad erzielt dadurch eine Einheitlichkeit
der Wirkung bis in die untergeordnetsten
Räume hinein, die natürlich in den wenigen Abbildungen
, die wir von zweien seiner Leipziger
Villen geben, nicht entfernt so deutlich zum
Ausdruck kommt, wie in der Wirklichkeit.
Hier leitet uns der treffliche Grundriss unvermerkt
in den Charakter der Lebensgewohnheiten
des Besitzers hinein, und wir
empfinden, wie die kunstgewerbliche Durchbildung
des Innern nirgends Selbstzweck wird,
Dekorative Kunst. V. .(. Januar 1902
121
it,
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