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VILLA PETERSMANN, LEIPZIG c HERRENZIMMER
sein Streben mehr als bisher auch von den
übrigen Klassen der Bevölkerung unterstützt
werden."
Welch anderer von unsern Staatsmännern
hätte klipp und klar ein Programm aufstellen
können, das von so modernem Geiste
erfüllt ist? Und wo sollen wir erst den
Politiker mit fruchtbaren Ideen suchen, wenn
die Handwerkerfrage durch den künstlerischen
Einschlag noch unendlich kompliziert
wird? Nicht einmal die professoralen
Sozialökonomen wagen sich auf dieses Gebiet
; Ruskin ist noch immer ohne Nachfolge.
Aber was ist Ruskin den Akademikern: ein
Dichter! ein Künstler! Das will sagen: ein
Phantast! Den Statistikern ist der mit sittlichen
Kräften Rechnende nur lächerlich.
Dabei geht die Entwicklung beängstigend
schnell voran; die Kunst wird ein immer
wichtigerer Faktor in den Kalkulationen der
Industrien und der Künstler hat alle Ursache,
darauf zu achten, dass seine Arbeit nicht
von den Wirbeln der Exportspekulationen
auf Gedeih und Verderb mitgerissen wird.
Oder will er sich mit dem Bewusstsein seiner
persönlichen Exklusivität beruhigen? Er ist
auch für seine Nachahmer verantwortlich und
für das ganze System, das seine gute Kunst
zur industriellen Gelegenheitsware, zur flüchtigen
Anregung des Marktes erniedrigt. Der
tüchtige Künstler fühlt den Schaden, der in
der Massenausbildung schlechter Industriezeichner
liegt, am ehesten und seine Stimme
kann nicht ignoriert werden, weil er schon
bewiesen hat, wie sehr die Nation auf sein
Talent angewiesen ist. Nur er hat unsere
Kunstindustrie dem Auslande gegenüber in
jüngster Zeit konkurrenzfähig gemacht.
Aber aus diesen Kreisen dringt kein Wort
und die Lage wäre verzweifelt, wenn nicht
der ehrlichen Kunst an sich schon eine gelinde
regelnde Kraft inne wohnte. Die
Künstler raffen sich im besten Fall zu einer
Diskussion über Musterschutz auf, zu einem
Dekorative Kunst. V. 4. Januar igc2.
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