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WIENER KUNSTGEWERBEVEREIN
Von J. Folnesics
Wiener Kunst im Hause" nennt sich eine
Vereinigung von zehn Absolventen und
Absolventinnen der Wiener Kunstgewerbeschule
, welche anlässlich der jüngst eröffneten
Weihnachtsausstellung dieses Vereins das
erste Lebenszeichen von sich giebt. Man
mag den Titel, den sich diese Vereinigung
beigelegt hat, nicht ganz zutreffend finden,
denn er greift mehrfach über die natürlichen
Grenzen der Wirksamkeit einer so jungen
Künstlergemeinschaft hinaus, aber vermutlich
wird sich niemand ernstlich daran stossen,
denn man ist es bereits gewöhnt, dass die Vertreter
der neuen Richtung häufig für ihre Tendenzen
den richtigen sprachlichen Ausdruck
serviertischchen « entworfen v. wilh. schmidt
ausgeführt von k. caspar und kostka, wien •
toilettespiegel « entworfen von hans vollmer
ausgeführt von ludwig schmitt, wien «««•««
nicht finden, sondern grossprecherisch
und unbeholfen zugleich, Erwartungen
erwecken, die sie nicht erfüllen können.
Was mit dem Titel ausgedrückt werden
soll, zeugt nichtsdestoweniger von einer
gesunden Tendenz. Man will an die
Kunst der Biedermeier-Zeit anknüpfen,
einer Periode, die in Wien die Möbelindustrie
zu hoher Blüte brachte, und
deren Erzeugnisse zuweilen mit dem
Namen Alt-Wien bezeichnet werden, so
dass es eigentlich heissen müsste: „Alt-
Wiener Kunst im Hause". Die Ansätze,
die damals nach der Richtung einer
Vereinigung der Kunstformen mit den
technischen Errungenschaften und zeitge-
mässen Erfordernissen gemacht wurden,
bilden wertvolle Fingerzeige für das
heutige Schaffen. Die schlichte Einfachheit
jener Formen eignet sich in höherem
Masse dazu, den modernen Anforderungen
an ein Werk handwerklicher
Kunst Rechnung zu tragen als die komplizierteren
Gebilde entlegenerer Kunstperioden
. Die unvergleichliche Tüchtigkeit
und Solidität der Ausführung sowie
die Vorliebe für edles Material, die
sich damals geltend machte, entspricht
nicht minder der heutigen Uebersätti-
gung an unsolidem Prunk. Mit Erfolg
studiert man daher die sogenannten Alt-
Wiener Möbel und kombiniert die neuen
Entwürfe mit Anregungen und Motiven,
die man aus England empfangen hat.
Das Verständnis im Publikum für diese
Bestrebungen ist aber keineswegs allgemein
. Der Markt lässt vielmehr eine
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