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-*"4sö> WIENER KUNSTGEWERBEVEREIN
PAUL HAUSTEIN « LEUCHTER « VEREINIGTE WERKSTÄTTEN, MÜNCHEN (GES. GESCH.)
auf dem Wege zahlreicher Experimente endlich
allen vorher angeführten Forderungen zu
entsprechen. Heute sind sie noch nicht so
weit. Ohne den Wert ihrer Arbeiten herabzusetzen
, kann man vielmehr behaupten,
dass so manches Einzelobjekt der gewöhnlichen
kunstgewerblichen Marktware jenen
Forderungen in höherem Masse entspricht,
als jene oft zu einseitig konzipierten Erzeugnisse
, an denen sich die unbeirrt und frei
schaffende Künstlerhand allein bethätigt hat.
Was solche Objekte vor jener mit secessionisti-
schem Flitter nur äusserlich ausgestatteten
Kunst auszeichnet, ist der Ernst, der in ihnen
liegt, die grundstürzende Tendenz, die sie
verfolgen, die Rücksichtslosigkeit, mit der sie
auf ihr Ziel losgehen. Dies hat in gewissem
Sinne seiner Zeit auch der Biedermeier-Stil
gethan. Er war ein Gegenwartsstil im Gegensatze
zu den späteren historischen Stilen. Er
wollte nicht nachahmen, sondern selbst
schaffen. Die Nüchternheit, in die er versank,
war eine Folge des Umstandes, dass die hohe
Kunst sich von ihm abgewandt und die Pfade
der Romantik betreten hatte. Jetzt, wo die
Trennung von hoher Kunst und Kunstgewerbe
nicht mehr ihren lähmenden Einfluss ausübt,
dürfen wir hoffen, Ergebnisse von längerem
Bestände herbeizuführen.
Was diese zehn Absolventen der Kunstgewerbeschule
in ihren Interieurs geleistet haben,
darf auf volles Interesse Anspruch erheben.
Wenn auch so manches den Charakter des
Unausgereiften an sich trägt, es hat doch zumeist
etwas Frisches und Unmittelbares. Wir
finden ein Schlafzimmer, entworfen von Hans
Vollmer, ausgeführt von Ludwig Schmitt,
das, abgesehen von der etwas zu harten Wirkung
der zwei verschiedenen Holzgattungen,
Ahorn und Birnbaum, einen recht freundlichen
Eindruck machtund zweckentsprechende
Formen aufweist. Das Waschservice, entworfen
von Fräulein Jutta Sika, ist etwas zu plump
geraten, aber die nach vorne zu eingedrückte
Wand des Waschbeckens bedeutet immerhin
eine vernünftige Neuerung. Dagegen verdient
ihr Kaminvorsetzer aus Messing und Favril-
glas, ausgeführt von Bakalowits, ganz besonders
deshalb uneingeschränktes Lob, weil
er sich, was sonst bei Verwendung dieses
Materials fast immer ausser acht gelassen
wird, sowohl bei durchfallendem wie bei auffallendem
Lichte gut präsentiert. Von Fräulein
Else Unger, der Tochter des bekannten Radierers
William Unger, stammt der Entwurf
für den hübschen Bettvorleger, sowie der für
die Bettdecke und die Toilette-Geräte. Ein
besonders beachtenswertes Möbel ist der grosse
Toilettespiegel mit seinen verschiebbaren und
in Angeln beweglichen Seitenteilen. Er entspricht
in hohem Masse den an ein solches
Möbel zu stellenden Anforderungen und zeich-
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