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rudolf rochga « kleiderhaken « vereinigte werkstätten, münchen
KUNST UND MASCHINE
Von H. Muthesius, London
Unter allen Aufgaben, die uns heute auf
dem Gebiete der modernen Kunst noch
zu lösen bleiben, ist die richtige Einbeziehung
der Maschinenarbeit die schwierigste, zugleich
aber die weitreichendste und bedeutungsvollste.
Wir haben uns daran gewöhnt, vom „künst-
franz rank « schmiedeeiserner lüster*««*
ausgef. von jos. zimmermann & co., münchen
lerischen" Standpunkte aus mit vollkommener
Geringschätzung, wenn nicht mit Verwünschungen
auf das Produkt der Maschine zu
blicken, viele Stimmen predigen noch heute,
dass das Heil der Wiederbelebung der gewerblichen
Künste nur in der Handarbeit liegen
könne. Indessen produzieren unsere Fabriken
ruhig weiter und werfen ihre Waren geradezu
in Massen auf den Markt. Kein Mensch unternimmt
es, diese zur „Kunst" in irgend welche
Beziehung zu bringen, hoffähig in diesem
Sinne sind nur unsere „kunstgewerblichen"
Erzeugnisse. Nur diese wandern in unsere
Kunstzeitschriften und in die Kunstgeschichtsbücher
. — Wir befinden uns also heute in
einem ganz auffallenden Gegensatze zu unserer
alten Kultur, derjenigen Kultur, an welche die
Maschine ihren zehrenden Zahn vor hundert
Jahren anzusetzen begann: dort gehörte (nach
unserer heutigen Auffassung) alles zur Kunst,
hier unterscheiden wir zwischen legitimen
Kindern und Wechselbälgen.
Betrachten wir den Unterschied zwischen
beiden Kindern unseres Zeitalters aber von
der wirtschaftlichen, statt von der künstlerischen
Seite, so stellt er sich wesentlich
anders dar. Die wirtschaftlich natürlich erzeugten
sind dann zweifellos die Maschinenprodukte
. Sie sind aus den Bedingungen
heraus entstanden, die sich im natürlichen
Werdegang der Verhältnisse entwickelt haben,
sie werden auf der Grundlage des allgemeinen
Arbeitsmarktes erzeugt, sie liefern die brauchbarsten
Werte mit dem geringsten Aufwände.
Sie sind also der heutigen Lebenslage entsprechende
, daher im richtigen Sinne moderne
Erzeugnisse. Unsere „kunstgewerblichen"
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