Augustinermuseum Freiburg i. Br., [ohne Signatur]
Die Kunst: Monatshefte für freie und angewandte Kunst
München, 6. Band.1902
Seite: 143
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http://dl.ub.uni-freiburg.de/diglit/die_kunst_06_1902/0155
-^sö> KUNST UND MASCHINE <^b-

Dass Fabrikerzeugnisse notwendigerweise
unkünstlerisch sein müssten, ist bis in die
neueste Zeit hinein oft und mit Aufbietung von
allen möglichen Gründen nachzuweisen versucht
worden. Allein das Gebäude dieser
Gründe (die alle aus der von unserer früheren
Kultur geborenen Aesthetik entnommen sind)
wird von Jahr zu Jahr wankender. Heute
bekennt sich schon mancher zu der Ansicht,
dass er auch einen Landauer, eine Hängebrücke,
ja eine Lokomotive „schön" finde, alles
Dinge, die mit der Kunst alter Auffassung
gar keine Berührung haben, sondern neben
derem Gehege sozusagen wild aufgewachsen
sind. Und Hand in Hand damit geht eine
zunehmende Abneigung gegen Ornament,
gegen unsachlichen Formenaufwand, gegen
Schmuck überhaupt, Dinge, gegen die die alte
Kunst nichts einzuwenden hatte. Es liegt
sicherlich eine Strömung vor, die Kinder der
rein sachlichen, „unkünstlerischen" Herstellung
als ästhetisch rechtmässig anzuerkennen
und sie in den Ring der Kunst
aufzunehmen. Die vor zehn, zwanzig oder
dreissigjahren als „künstlerisch" ausgegebenen
Dinge aber empfinden heute schon viele als
„unmodern", wenn nicht als „unkünstlerisch",
und zwar hauptsächlich infolge der ihnen
aufgenötigten „Kunst". Sobald aber solche
Ansichten allgemeiner werden, muss auch
das alte Vorurteil gegen die Maschinenerzeugnisse
schwinden, und niemand kann es mehr
unternehmen wollen, diese als ausserhalb des
Gebietes der Aesthetik liegend zu bezeichnen.

Unser ästhetisches Urteil baut sich auf
Vorurteilen auf, die Gewohnheit ist seine
Amme. Die allgemein menschlichen Grundempfindungen
über das Schöne sind primitivster
Art. Auf derselben Grundlage des
Schönheitsempfindens ist in Griechenland der
jonische Tempel und sind in Mittelindien jene
phantastischen, ornamentübersponnenen Bauwerke
entstanden, für die uns Europäern
jedes Verständnis verschlossen bleibt. Und
doch sind beide die Entwicklungspunkte desselben
Ausgangs menschlichen Schönheitsschaffens
, und hier wie dort gelten sie als
Gipfelpunkte der Kunst.

In Bezug auf die Entwicklung und Umbildung
des ästhetischen Urteils scheint daher
das Unmöglichste möglich. Einen kleinen
Begriff von dieser Wahrheit geben uns ja
schon unsere Damenmoden. Es liegt also
auch durchaus im Bereich der Möglichkeit,
dass eines Tages jedermann unsere Fabrikerzeugnisse
schön finden wird. Dass dies
der Fall sein kann, lehrt uns ein Fabrikerzeugnis
, an das wir schon durch Jahrhunderte
gewöhnt sind und daher unbedenklich
als „künstlerisch" hinnehmen, nämlich das
gedruckte Buch. Was Gutenberg that, war
nichts anderes als die Einführung des Maschinenbetriebes
an Stelle der Handarbeit im
Buchdruckgewerbe. Wer leugnet heute, dass
das Buch, entsprechend behandelt, ein vollgültiges
Kunsterzeugnis sein kann?

In der Geschichte der menschlichen Tektonik
können wir die merkwürdige Thatsache
verfolgen, dass Neubildungen vor Erreichung
ihrer endgültigen Form häufig eine Zwischenstufe
durchzumachen haben, die der Metamorphose
der Insekten gleicht. Ja dieser Weg
scheint sogar der übliche zu sein. Es tritt plötzlich
eine neueBedingung auf und stellt der bildenden
menschlichen Hand Aufgaben, für die
sie keine Anhaltepunkte hat. So erschien im
Verlauf des neunzehnten Jahrhunderts an Stelle
der Kerze das Gas und an Stelle des Gases
das elektrische Licht. In keinem Falle waren
wir im stände, sofort die richtige Form des
Beleuchtungskörpers zu bilden, die Entwicklung
schritt über die Stufe der nachgeahmten
Kerze hinweg. Für das als Neuling eintretende
Linoleum hatten wir zunächst nur
das Granit-, das Fliesen- und das Parkettmuster
bereit, die Papiertapete ahmte den
Stoff nach. Ueberall sehen wir die Zwischenstufe
der nachgeahmten früheren Form.

Einen ähnlichen Gang haben auch unsere
Fabrikerzeugnisse durchgemacht. Fing man
an, irgend einen bisher in Handarbeit hergestellten
Gegenstand fabrikmässig zu erzeugen,
so wurde zunächst aller Scharfsinn aufgeboten,
die Einzelheiten der Handarbeitungsform nachzuahmen
. So bekamen wir die gestanzten
Blechornamente, die in Papiermasse nachgeahmte
Holzschnitzerei und andere Falsifikate,
die natürlich nur dazu beitragen konnten, die
Maschinenarbeit künstlerisch in vollen Misskredit
zu bringen. Nachdem man sie vorher
vom künstlerischen Standpunkte aus nicht
beachtet hatte, fing man jetzt an, sie zu verachten
. Und so musste die Hoffnung auf
Anerkennung eigentlich von vorn herein mehr
bei denjenigen Maschinenerzeugnissen liegen,
die ganz selbständig, ohne Erinnerung eines
früheren Zustandes, in die Welt traten. Das
Zweirad, um ein naheliegendes Beispiel anzuführen
, hatte keine frühere Form nachzuahmen
, wir erblicken in ihm infolgedessen eine
verhältnismässig reine Form der Maschinenerzeugung
. Hier entspricht die Form des
Gegenstandes ebensowohl der fabrikmässigen
Herstellung, als auch — da sogenannte „künstlerische
" Gesichtspunkte bei seiner Bildung
gar nicht in Frage kamen — der grössten

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