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■^4sö> KUNST UND MASCHINE ~C^^
Zweckmässigkeit. Und doch gefällt das Zweirad
. Vielleicht liegt das daran, dass sich die
Wesensbedingungen des Dinges und die besondere
Form, in der es erscheint, in vollendeter
Weise decken. Es verkörpert eine
gewisse Echtheit, es hat Stil. Mag dieser
Stil Zweckmässigkeitsstil, Maschinenstil oder
sonstwie genannt werden, es liegt kein Grund
vor, weshalb das Zweirad deshalb nicht gefallen
sollte.
Diesen Maschinenstil in Gegensatz zu einem
sogenannten künstlerischen Stile zu setzen,
ist sicherlich ein Stadium der ästhetischen
Empfindung, das die Welt überwinden wird.
Es kann gar nicht darauf ankommen, auf
welche Weise eine menschliche reale Schöpfung
entsteht, sehr wichtig erscheint es aber, dass
sie die Art ihrer Entstehung aufgeprägt trage,
dass sie einen klaren Stil verkörpere. Ist
dies nicht der Fall, so tritt sie in Verkleidung
auf und erregt über kurz oder lang unseren
Unwillen durch die falsche Gesinnung, die
in ihrer Form versteckt liegt. Für unsere
ganze menschliche Tektonik müssen dieselben
Gesetze geltend sein, alle tektonischen
Leistungen daher mit einem Begriffe zu decken
sein. Für diesen Begriff fehlt uns heute ein
Wort. Das donnernde Wort „Kunst" zu wählen,
hat seine sehr bedenklichen Seiten. Man
stellt sich unter diesem Begriff heute stets
etwas so Besonderes vor, dass ganz schiefe
Urteile herauskommen. Wir sind, wie wir
gesehen haben, dahin gekommen, dass die
auf der heute natürlichen wirtschaftlichen
Grundlage erzeugten Dinge unkünstlerisch
und die auf einer nicht natürlichen Grundlage
erzeugten künstlerisch genannt werden. Da
muss etwas nicht in Ordnung sein.
Es scheint, dass hier die fossilen Reste
einer alten Kultur noch in unsern Köpfen
spuken. Wir neigen fast dazu, eine tek-
tonische Leistung nur dann künstlerisch zu
nennen, wenn sie zu der reinen Zweckmässigkeit
noch irgend einen Zusatz enthält. Auf
der anderen Seite wünschen wir aber gar
keine Zusätze, wir wollen die vollendete, reine
Zweckmässigkeit. Das führt zu dem Zwiespalt
, zu der heutigen Unsicherheit, die sich
nicht nur in der Beurteilung, sondern auch
im Schaffen von tektonischen Leistungen ausspricht
. Ein Hin- und Herschwanken zwischen
Realismus und Stimmungskunst, das ist die
heutige Lage im sogenannten neuen Kunstgewerbe
. Eine aufrichtig schaffende Hand wird
sich gar nicht mit der Frage beschäftigen,
ob sie diesen Gegenstand künstlerisch, jenen
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