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FRANZÖSISCHE RADIERUNGEN
Von Henri Frantz, Paris
Es ist interessant zu konstatieren, wie in
der künstlerischen Entwicklung unserer
Tage insbesondere die Maler durch Wissbegierde
, ja durch eine innere Notwendigkeit
getrieben werden, die Mittel und Gebiete
ihrer Kunst zu erforschen und zu erweitern.
Geradezu mit Leidenschaft haben sich die
Maler in den letzten Jahren auf die angewandte
Kunst geworfen, um an Stelle der
bisher ausschliesslich gepflegten Tafelmalerei
Werke zu schaffen, die, welcher Technik auch
immer sie angehören, doch oft stärker und
tiefer empfunden sind, als vordem manche
grosse Leinwand.
Vor 20 Jahren würde man wohl entsetzt
gewesen sein, hätte ein Maler einmal seine
Pinsel weggelegt und dafür Leder getrieben
oder gar ciseliert. Heute aber weiss man,
Gott sei Dank, wie viel Kunst und wirkliche
Schönheit in diesen kleinen, ehedem ganz
vernachlässigten Arbeiten stecken kann.
Unter diesen verdient die Radierung und
speziell die Farbenradierung einen
besonderen Platz. Namentlich
französische Künstler haben sich
in letzter Zeit bemüht, diese
Technik neu zu erwecken. Uns
allen sind die reizvollen und feinsinnigen
Blätter bekannt, welche
das 18. Jahrhundert auf diesem
Gebiete hervorgebracht hat. Namen
, wie Debucourt mit seinen
flotten und lebendigen Scenen,
Moreau, der Jüngere, mit seiner
stets so scharfen Beobachtung,
Saint Aubin, einer der feinsten
Zeichner seiner Zeit, sagen genug.
Es ist wohl nicht ohne inneren
und tieferen Zusammenhang, dass
mancher Künstler heute dieses
Verfahren wieder aufnimmt, und
seiner Geschichte ein wesentliches
Blatt hinzufügt, indem er
in ihm die Strömung und den
Geist der Zeit zum Ausdruck
bringt. Blätter von Raffaelli
oder Louis Legrand stehen auf
der Höhe jener von Debucourt,
und die Wertschätzung, welche
unsere Zeit ihnen entgegenbringt,
zeigt sich deutlich in der starken
Preissteigerung, ebensowohl der
alten Farbstiche, als dieser neuen
Radierungen.
Ein ganzer Kreis von Künstlern ist auf diesem
Gebiete thätig und hat sich um den rührigen
Verleger M. HESSEle geschart; sie alle in einem
kurzen Artikel Revue passieren zu lassen, ist
uns versagt. Ehe wir aber auf die Bestrebungen
einzelner derselben eingehen, wollen
wir der Vorläufer und Urheber der gegenwärtigen
Bewegung gedenken. Vor allem Brac-
quemond's, dessen schönes Blatt „Der Regenbogen
" so bekannt ist, dann M. J. F. Raf-
faelli's, der immer neue Reize in der Schilderung
der Vorstädte von Paris zu finden
wusste. Auch Lepere ist zu nennen, obwohl
sein Werk nur wenige farbige Radierungen
aufzuweisen hat; Jeanniot, dessen ausdrucksvolle
zeichnerische Begabung in allen Erscheinungen
das Malerische festzuhalten weiss, und
der unermüdlich, wie z. B. in seinem Werke
„La Plage", der geheimnisvollen Grazie der
weiblichen Gestalt nahe zu kommen sucht,
wenn er dabei auch nicht die Eleganz eines
Helleu erreicht.
francis jourdin
vor kurzem
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