http://dl.ub.uni-freiburg.de/diglit/die_kunst_06_1902/0165
philipp widmer
modell eines oberlichtes
THEODOR FISCHER
Von Erich Haenel
Wenn heute über dem brodelnden Aufruhr
geistiger und wirtschaftlicher Triebkräfte
, dessen verschwommenes Bild die Litte-
ratur, vor allem die Tageslitteratur der Zeitschriften
widerspiegelt, wie von tausend Kehlen
ausgestossen und begleitet von tausendstimmigem
Trompetengeschmetter, immer wieder
der Schlachtruf: Kampf um die Kunst! sich
machtvoll erhebt, so mag es wohl vorkommen,
dass der Laie, der etwas ängstlich diesen Sturm
und Drang von weitem beobachtet, sich zweifelnd
fragt: welche Kunst ist es nun eigentlich
, um deren Siegen hier die Geister an-
einanderplatzen? Ist es die, deren Werke,
unserer Väter Erbe, unsere Kindheit umgaben
, die man als die klassische preist, und
die man heute mit unendlicher Sorgfalt von
Staats wegen und unter dem höchsten sittlichen
Eifer „aller Gebildeten" als solche zu
erhalten sucht? Ist es die Kunst, die seit
ein paar Lustren daneben emporwächst, seltsam
und keck, mit ihren unklassifizierbaren
Formen, die Kunst der Jungen, denen das
tüchtige Alte nicht mehr genügt, die der
neuen Zeit ein neues Kleid zu schaffen unternehmen
? Oder ist es endlich gar die Kunst
der Zukunft, zu der dies alles nur Vorstufen
sind, die absolute Kunst, die Universalkunst,
die einige ahnend schauen, viele herzlich ersehnen
und die meisten spöttisch leugnen,
deren Morgenrot aber schon die blassen
Wölkchen am Horizont verheissungsvoll erglühen
macht?
Die Antwort auf solche Fragen wird verschieden
lauten, je nach der Parteistellung,
die der Auskunftgebende selbst in dem kriege-
Dekorative Kunst. V. 5. Februar 190a.
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