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-s?4^> THEODOR FISCHER ~C^=^
ENTWURF ZUR UNTERFÜHRUNG AN DER GEBSATTEL-HOCHSTRASSE IN MÜNCHEN
so vollkommenes Ganzes erreicht worden,
sondern durch eine bis heute allerdings seltene
Intensität des künstlerischen Geschmackes
und der bis ins kleinste eindringenden künstlerischen
Liebe. Es ist ein wahrhaftes Entzücken
, den Spuren dieses glücklichen Temperamentes
nachzugehen, das hier an Thor
und Wand, an Geländern und Thüren, in
Stein und Metall, bis in die Kleiderschränke
und Thürgriffe das spezifische Wesen seiner
Aufgabe erforscht hat. Das ist echte Kunst
für das Leben des Kindes, wie man sie jetzt
so unermüdlich fordert und predigt, aber
zugleich eine Kunst, die auch uns vom vielen
Sehen und sehend Kritisieren fast Abgestumpften
erfrischend und erwärmend dünkt!
Der gemütvolle Humor, dies Haupterfordernis
des echten Pädagogen, klingt in den Tiersilhouetten
der verputzten Fassade, in dem
gesunden Symbolismus der Portalskulpturen,
in den reizenden Thürbeschlägen bald laut, bald
leise durch. In grösserem Umfang bethätigte
dann Fischer sein hier wie spielend erprobtes
Können an dem Neubau der Schule am Elisabethplatz
(Seite 160). Der Baukörper gestattet
hier infolge seiner Grundfläche, einem
unregelmässigen Viereck, eine reichere Gliederung
. Der äussere Winkel, wo sich das
dritte Stockwerk des einen Flügels in eine
luftige zweibogige Arkade öffnet, ist von echt
malerischem Reiz. Das Ganze präsentiert
sich, mit seinen grossen quadratischen Fenstern
, den einfachen weissen Mauerflächen
und den sparsamen Schmuckformen, in denen
gewisse Motive der deutschen Renaissance
diskret verarbeitet sind, wieder ungemein
hell und sympathisch. Bei dem Neubau
der städtischen Töchterschule, Louisenstrasse
(Seite 178—182), mag die Erinnerung an gewisse
Landshuter Bauten wohl mit hineingespielt
haben. Aber im Grund ist das, was
hier den künstlerischen Eindruck bestimmt,
Ausfluss der persönlichen Schaffensweise des
Künstlers, der mit sicherer Hand die Linien
zieht, hier die Konstruktion klar ausprägt,
dort ein freigebildetes Ornament hinsetzt, und
dabei stets der praktischen Bestimmung des
Baues den ersten Einfluss auf seine ästhetische
Neugestalt einräumt.
Unter den zahlreichen Werken, die während
seiner Thätigkeit in München aus Fischer's
Atelier hervorgingen, ragen einige Brückenbauten
hervor (Seite 159), die dem monumentalen
Stilbewusstsein ihres Schöpfers wieder
ein glänzendes Zeugnis ausstellen. Ist auch
nur einer dieser Entwürfe, der zur Prinzregentenbrücke
, ausgeführt worden, so besitzen
wir doch ausgeführte Pläne zu verschiedenen
an anderer Stelle. Von den beiden zur Max
Josef-Brücke, Bogenhausen, geben wir der
mehrbogigen den Vorzug, die an struktiver
Einheitlichkeit und formaler Würde noch von
der Wittelsbacherbrücke übertroffen wird.
Der Entwurf zur Corneliusbrücke schafft an
der Südspitze der Kohleninsel eine Kapelle,
und belebt so das Bild im malerischen Sinne
mit bewundernswertem Verständnis für die
landschaftliche Totalansicht. Für die Verschönerung
der inneren Stadt war er eifrig
thätig, mancher seiner derartigen, jetzt oft
nur in Skizzenform enthaltenen Entwürfe
wird vielleicht noch von seinen Nachfolgern
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