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DAS SCHULGEBAUDE
Von Theodor Fischer, Stuttgart
Wenn wir den Wanderstab durch die deutschen
Länder führen und nicht nur die
Grosstädte, sondern die kleinen und die
Dörfer betrachten, so finden wir in manchen
Gegenden Orte, die, von der neuen gelbledernen
Backsteinkunst noch nicht verdorben
, den ruhigen Ton der Bauweise aus
unserer Grossväter und Urgrossväter Zeit
erhalten haben : Giebel an den geschwungenen
Strassenfluchten, warme Ziegel- oder deutsche
Schieferdächer, farbigen Anstrich der Wände,
gutgeteilte Fenster, kurz alles, was uns in
der stilvollen Zeit des „Aufschwunges" verloren
gegangen ist.
Ein Haus aber pflegt immer das einheitliche
Bild zu stören, ein Haus mit flachem
Schieferdach, mit Gurt- und Kranzgesimsen,
mit Spiegelscheiben in den ungeteilten Fenstern
, wenn's gut geht mit korinthischen
Pilastern und Akanthusakroterien, wenn's
schlimmer ist. Das ist das Schulhaus. Es
ist eine Grundform, die alle kennen, die im
Dorf, in der kleinen und in der grossen
Stadt zu finden ist, als Gemeindeschule, als
Gymnasium und mit Aufwand von viel gelehrter
Architektur als Hochschule. In den
grösseren Städten fällt sie nur nicht so aus
dem Rahmen, wie in den warmen, noch unberührten
Nestern, denn die allgemeine Eigenart
unserer neuen Städte ist eben dieselbe
Stimmung oder besser derselbe Mangel an
Stimmung, wie im besonderen bei den Schulhäusern
. Wenn deshalb über diese in künstlerischer
Richtung zu reden ist, kann man
wohl nicht anders, als die Baukunst des verflossenen
Jahrhunderts im allgemeinen, wenn
auch nur andeutungsweise zu behandeln und
anzuklagen. Es ist kaum die einseitige Anschauung
des Kunstkonfessionellen, die der
historisch-ästhetisierenden Richtung in der
Architektur des 19. Jahrhunderts die Schuld
beimisst, dass wir in eine Sackgasse der Unnatur
gekommen sind. Wenn dies Kapitel
erschöpfend behandelt werden wollte, wäre
weit auszuholen; es wäre davon zu reden,
wie es gekommen, dass der deutsche Geist,
der so oft in früheren Jahrhunderten die
Invasionen fremder Kunst überwunden und
zu seinen Gunsten verarbeitet hat, in diesem
so gänzlich versagte.
Jetzt, da die Sintflut des Klassizismus im
Verlaufen ist, können wir erkennen, was verloren
ging, alles Kulturland ist versandet, nur
ein paar Felsen stehen noch ganz oben im
Hügelland der Volkskunst. Mögen sie doch
fest genug stehen, dass wir an ihnen das
Seil anknüpfen könnten! Die Begleiterscheinung
— vielleicht auch eine der Ursachen -
dieser Entwicklung ist der erkältende Einfluss
der Wissenschaftlichkeit. In keinem Jahrhundert
wurde soviel über Kunst und Kunstgeschichte
geschrieben und vorgetragen, in
keinem, seitdem wir in die Reihen der Kulturvölker
eingetreten sind, so wenig wirkliche
Kunst geübt. Es ist das Zeitalter der Museen,
der Kunstregistraturen; es ist das Zeitalter
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