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-^4s£> THEODOR FISCHER
PROJEKT ZUR BEBAUUNG DER KOHLENINSEL IN MÜNCHEN
denn es erübrigt immer, den Anschluss an
das Volkstümliche in der Anlehnung an die
örtliche Bauüberlieferung zu suchen. Diesen
Weg haben nun glücklicherweise in den
letzten Jahren eine Reihe von Künstlern eingeschlagen
.
Wenn heute hier und dort zu weit gegangen
wird in der Uebernahme historischer
Formen, so sollte das wohl nicht zu sehr
getadelt werden. Es ist als ein Uebergangs-
stadium aufzufassen, aus dem die Macht des
Bedürfnisses und der neuen Konstruktion
sicher bald heraushilft. Auf die Schulung
aber, die in der Beschäftigung mit dem klaren
und einfachen Geist der Alten liegt, möchten
wir nicht gerne verzichten. Sie wird uns
befähigen, auch an alle Bedürfnisse und Aufgaben
der Neuzeit mit dem gleichen Geiste
heranzutreten.
Wenn nun die kunsterziehenden Seiten des
deutschen Schulgebäudes in kurzer Uebersicht
betrachtet werden sollen, so ist in erster
Linie die Lage des Schulhauses etwas,
wobei von vornherein die künstlerische Einsicht
viel mehr mitsprechen sollte, als es
heute geschieht, wo fast nur der Zufall und
Majoritätsbeschlüsse den Ausschlag geben.
Bei den gewaltigen Aufwendungen, welche
die Gemeinden für Schulhausbauten zu machen
haben, liegt es nahe, in allen Punkten, also
auch bei der Wahl des Bauplatzes
, zu sparen. Man hat
deshalb öfter Rückplätze für
Schulzwecke genommen, ein
Verfahren, das nicht unter
allen Umständen zu verwerfen
wäre, wenn es nur
gelingen wollte, diesen Bauwerken
nicht die Art von
Hinterhäusern, sondern eine
klosterähnliche Gruppierung
um einen offenen schönen
Hof zu geben. Leider ist
eine derartige Lösung noch
nicht bekanntgeworden, vielleicht
auch deshalb, weil sie
nur möglich wäre bei sogenannten
einreihigemBau, d. h.
wenn nur eine Saalreihe mit
einem Korridor um den Hof
gelegt würde. Damit ist aber
wiederein erheblicherKosten-
aufwand gegenüber der noch
immer als Norm vorgeschriebenen
zweireihigen Bauart
nötig und damit der Vorzug
des billigeren Hinterlandes
ausgeglichen.
Immerhin möchte doch auch die Erbauung
von Schulen auf Rückplätzen nicht ganz der
Würde und Bedeutung, welche die Schule
heute im öffentlichen Leben einnimmt, entsprechen
. Vielmehr ist es eine Forderung,
welche schon der künstlerische Ausbau einer
Stadt zu stellen hat, dass öffentliche Gebäude
von der Wichtigkeit der Schulen auch an
wichtige, d. h. künstlerisch, nicht etwa verkehrstechnisch
wichtige Punkte zu stehen
kommen. Schon die Helligkeit der Schulräume
verlangt es, dass nicht an engen
Strassen gebaut werde, sondern wenn irgend
möglich Erweiterungen oder kleine Plätze
gewählt werden. Hier ist allerdings nicht
ohne Missvergnügen an die schematischen
Bebauungspläne unserer Städte zu denken,
welche dergleichen stille Plätze und Plätzchen
gar nicht kennen.
Es ist schon erwähnt worden, dass Gründe
der Sparsamkeit die einfache Rechtecksform,
bei welcher zwei Reihen von Schulsälen zu
beiden Seiten eines Mittelganges liegen, als
eine Normalform haben erscheinen lassen.
Aber abgesehen davon, dass eben die äusserste
Exaktheit der Grundform durchaus nicht
immer mit der grössten Verwendbarkeit zusammenfällt
, ist die Gleichartigkeit der Räume
ein so grosses Hindernis, in die äussere Erscheinung
rhythmisches Leben zu bringen,
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