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-sf=4^> DARMSTADT NACH DEM FEST <^=^
tafelgläser « ausgeführt von den rheinischen glashütten a.g-., köln-ehrenfeld
Verhältnis der Bureaukratie zur Kunst, das
kennt man. Die Bureaukratie hat sich Kunst
und Künstlern gegenüber ja immer wunderbar
betragen.
Und so machte man auch in Darmstadt
einige allerliebste Erfahrungen. Solange der
Grossherzog für die Sache Feuer und Flamme
war, mussten die Kunstbeschützer von Amtswegen
wohl oder übel im Hintergrund bleiben,
und alles ging gut. Als aber, aus welchen
innern und äussern Gründen immer, der Fürst
etwas lauer wurde . . . aber schweigen wir
darüber. Folgendes ist das Historische.
Die Ausstellung wurde am Abend geschlossen
, am andern Morgen schon erschien
ein Bote des Kabinetrats Soundso und verlangte
Räumung des ErnstLudwig-Hauses und Ueber-
gabe sämtlicher Schlüssel. Der Professor
Christiansen als Generalbevollmächtigter der
Kolonie erhob Einsprache. Er könne doch
nicht mit den zahlreichen Ausstellungsgegenständen
auf die Strasse. Auch dränge ja
niemand. Es habe auch niemand dazu Veranlassung
, denn nur ihm selber und seinen
Kollegen sollte ja das Haus als Werkstatt
übergeben werden.
Alle Vorstellungen blieben fruchtlos. Der
Beamte verharrte auf seinem Schein. Auch
der besondere Hinweis, dass das Ernst Ludwig
-Haus der einzige feuersichere Ort sei,
wurde nicht beachtet. Christiansen musste
über Hals und Kopf ausräumen und die Ausstellungsgegenstände
in einen Holzschuppen
flüchten lassen. Und der ist denn auch glücklich
abgebrannt. Eine Masse von Kunstwerken
wurde zerstört. Christiansen allein verlor
dabei sieben Skizzen.
Das war die erste Heldenthat der Bureaukratie
.
Die zweite folgte bald : Es wurde den Künstlern
zur Auflage gemacht, haarklein aufzuzählen
, was sie bis jetzt für ihre Bezahlung
geleistet hätten. Echt bureaukratisch, nicht
wahr? Wirkungen, moralische und geistige
Wirkungen, damit kann der Aktenmensch
nichts anfangen; er braucht Leistungen, die
er buchen kann, die er in „Rechnung stellen
kann".
Sehr bezeichnend waren es die beiden
jüngsten Mitglieder der Kolonie, die auf diese
Zumutung gar nicht antworteten, Bürck und
Huber. Dafür erhielten sie, schön auf Weihnachten
, die Kündigung ihres Vertrags.
Der talentvolle Bürck, den der Grossherzog
sehr schätzte und liebte, hatte sich längst in
gewissen Darmstädter Kreisen verhasst zu
machen gewusst. Er hatte ja ganz nackte
Menschen nur so ins Freie hingemalt. Da
heisst es dann - ich citiere --: „Wir sind
selbstverständlich weit davon entfernt, die
kindischen Prüderien rechtfertigen zu wollen,
die im lieben Deutschen Reiche und umliegenden
Ortschaften an der Tagesordnung
sind. Wir verabscheuen dieses Treiben der
Lex-Heinze-Leute. Aber . . . !"
Ja, aber! O, dass euch das Mäuschen
beisse, ihr komischen liberalen Leute, die ihr
im Prinzip immer ganz gewaltig liberal seid,
aber nie im gegebenen Fall. Auf einen
solchen Liberalismus u. s. w. Paul Bürck hat
bereits einen Ruf erhalten an eine bedeutende
Kunstgewerbeschule. Dieser 22 jährige Jüngling
wird der Welt noch eines Tages Ueber-
raschungen bereiten.
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