http://dl.ub.uni-freiburg.de/diglit/die_kunst_06_1902/0208
-5=^> DIE GLASGOWER KUNSTBEWEGUNG <^*~
auch gegen die schottische das Londoner
Lager in gewissem Masse Front, es fühlt sich
im Gegensatz zu ihr. Und wie im vergangenen
Jahre sich aus den Londoner Reihen
ein öffentlicher Protest erhob, als ein reicher
Kunstfreund eine auf der Pariser Weltausstellung
erworbene Sammlung kontinentaler
neuer Möbel (sie waren freilich nicht alle der
besten Art) dem South Kensington-Museum
geschenkt und dort ausgestellt hatte, so wurde
der schottischen Gruppe auf der letzten Londoner
Arts- and- Crafts-Ausstellung der Zutritt
versagt. Dies ist die heutige Stellung
Englands zur Kunstlage. Und man muss gespannt
sein, welches Bild die binnen Jahresfrist
zu eröffnende neue (siebente) Arts- and-
Crafts - Ausstellung von ihr liefern wird.
Jedenfalls kann man heute schon behaupten,
dass, wenn man Grossbritannien als Einheit
betrachtet, der Gravitationspunkt der Kunstbewegung
von London nach Glasgow verrückt
worden ist. Wer heute neue Kunst zu
WINDYHILL « « TREPPENLAMPE FÜR
GAS AUS GESCHMIEDETEM STAHL MIT
PURPURFARBIGEM GLASSCHMUCK ««
LANDHAUS WINDYHILL « TREPPENFLUR « WÄNDE
WEISS, GELÄNDER AUS GRÜN GEBEIZTEM HOLZ
MIT GRÜNEN QUADRATISCHEN GLASFÜLLUNGEN
sehen wünscht, hat seine Schritte nicht
nach London, sondern nach Glasgow
zu richten.
Die Stellung Glasgows zur Kunst
ist sehr eigentümlich. Es ist eine
künstlerisch ganz neue Stadt. Die
reiche schottische Kunstentfaltung in
der Malerei und Baukunst des 19. Jahrhunderts
hat sich in Edinburg abgespielt
. Die glanzvollen Namen, die
Schottland in der Malerei aufzuweisen
hat, gehen von Edinburg aus, und sie
sind so bedeutend, dass sie die englische
Malerei oft bedeutend beein-
flusst, wenn nicht umgestaltet haben.
Glasgow trat erst in den Vordergrund,
als die neuschottische Malerschule auftauchte
, eine Schule, die ihrerseits im
Gegensatz sowohl zu der englischen
wie der Edinburger Schule stand. In
ihrem Zusammenhange wurde Glasgow
als Kunstzentrum zuerst genannt. Im
weiteren Zusammenhange verdient es
aber heute auch im Hinblick auf die
Leistungen der neuen dekorativen
Schule als Kunstzentrum betrachtet zu
werden, in deren Mittelpunkt Charles
R. Mackintosh und Margaret Mac-
donald-Mackintosh stehen. Sie hat
mit der Malerschule nichts gemein
als den fruchtbaren Glasgower Boden,
der künstlerisch noch jungfräulich dalag
und nicht mit dem Erbe einer Kunstüberlieferung
belastet war. Daher der
196
http://dl.ub.uni-freiburg.de/diglit/die_kunst_06_1902/0208