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-=ü=4^> VERKÜNDEN UND HANDELN <^ü-
margaret macdonald-mackintosh,
in silber getriebenes paneel««««
wenn wirklich nur „die schlichtesten geometrischen
und stereometrischen Figuren",
wie mancher gemeint hat, dem Künstler die
Anregung zum Auf baugedanken gegeben
hätten, dann freilich wäre Obrist nichts
weiter als einer von den 1001 Reissbrettkünstlern
, und er würde rein aus dem Intellekt
heraus, aber ohne Empfindung geschaffen
haben - er wäre also richtiger ein
origineller Konstrukteur, keinesfalls aber ein
originaler Künstler von epochaler Bedeutung
zu nennen.
Die Originale seiner Brunnen machen es
offenkundig, dass er neue plastische und tekto-
nische Formenwerte schafft, deren Ursprung
aber weder im Modellieren noch in der Reissbrettarbeit
zu suchen ist, sondern in seinem
Beobachten und Empfinden der Natur des
Gesteins, des Felsens, des Wassers und der
Pflanze und in seiner schöpferischen Phantasie
. Die Wucht, die Strenge, das Starre
des Felsens, das spülende, nagende, glättende
Wirken des Wassers, das ist es, was dieser
Plastiker uns sichtbar macht und erschliesst,
und er thut es als moderner Mensch an Nutz-
und Gebrauchsgegenständen, sie dadurch bis
zur Schönheit verklärend. Und nur wer den
plastischen Dichter neben dem Tektoniker
und Nutzkünstler in ihm erkennt, wird das
Originale an ihm richtig würdigen. Dieses
plötzliche Auftauchen eines derartig boden-
wüchsigen, urnatürlichen, organischen Gestalters
mitten in unserer Zeit der nervösen
Malerei oder der blossen Ingenieurkunst hat
bis zu einem gewissen Grade etwas Verblüffendes
. Man ruft allenthalben nach starken
Persönlichkeiten als Retter aus Schema und
Tradition. Hier ist ein Mann, der weiss, was
er will und es auch kann. Nicht ein blosser
Vorläufer ist er, wie von anderen unfreudig
gesagt worden ist, sondern ein Plastiker, der
eben erst anfängt und noch grosse Reichtümer
geben wird. Nicht ein blosser Verkünder
neuer Kunst ist er in Werk und Wort
und Schrift und Lehre, sondern ein Gestalter
und Sichtbarmacher seiner Verkündigung.
Niemals hat sich mir deutlicher das charakteristische
Kennzeichen eines von des Naturschaffens
Geist und Musik erfüllten Künstlers
gezeigt als in den von Obrist modellierten
Wasserbecken der Brunnen. Hier ist die in
der Jahrtausende Lauf felsenhöhlende, steinglättende
Wirkung des Wassers zum Ausdruck
gebracht. Hier zeigt sich Obrist — aber
hier nicht allein - - als einer jener wahrhaften
Künstler, die man wohl mit Recht die Epigonen
des göttlichen Allschaffers nennen darf.
Ein Mann, der solches schaffen kann, hat
nicht nur verstandesmässig der Natur ewige
Gesetze in sich aufgenommen — der muss
offenbar zuvor in und mit der Natur gelebt
haben. Thatsächlich dürfen wir dies den
OßRiST'schen Brunnen ablesen: Obrist ist in
der grössten Einsamkeit im Gebirge aufgewachsen
. Als Knabe verbrachte er lange Zeit
im märchenhaften Reichtum unberührter,
phantasieweckender Schweizer Natur. Später
mag er wohl erst als leidenschaftlicher Naturforscher
und Geologe den nachhaltigsten Eindruck
der Gebirgsnatur in anderer Weise
verarbeitet haben. Sicher ist er als plastischer
Bildner zuerst Empfinder dann erst Gestalter
und Tektoniker.
Welcher von den Brunnen der beste ist,
ist schon deshalb schwer zu sagen, weil ja
drei völlig verschiedene Gruppen von Brunnen
zu unterscheiden sind. Die frühesten sind
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