Augustinermuseum Freiburg i. Br., [ohne Signatur]
Die Kunst: Monatshefte für freie und angewandte Kunst
München, 6. Band.1902
Seite: 224
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http://dl.ub.uni-freiburg.de/diglit/die_kunst_06_1902/0236
-ö=^> VERKÜNDEN UND HANDELN <&$^

eines so unantastbaren Gesetzes gefunden?
Weshalb ist die OßRisT'sche Urne so gar
nicht möglich als Schmuck oder als Ziergerät,
weshalb sind ihr keiner Kultur Aschenurnen
gleich? Der Wechsel in der Anschauung vom
Leben der Psyche ist hier nicht das ausschlaggebende
Moment. Denn nur des Todes Symbol
hat Obrist gebildet. Es ist also diese
künstlerische Erfindung nicht so sehr Zeichen
unserer modernen Kultur überhaupt als Kennzeichen
der künstlerischen Seele und Befähigung
von Obrist. Ueberdies drückt
Obrist's Urne die Persönlichkeit, das Wesen
des Menschen, dessen Reste sie birgt, so
schlicht erhaben aus, wie jene herrlichen Grabdenkmäler
der Renaissance es durch die Gesamtheit
von architektonischen, figürlichen
und ornamentalen Teilen prächtiger auszudrücken
vermochten. Die eine Urne kann
nur einst eines gewaltigen Mannes, jene aber
keine andere als eines zarten, schönen Weibes
letzte Reste umschliessen.

Wenn Obrist nichts weiter geschaffen hätte
und schaffen würde, als diesen Urnen-Typus,
er würde ihm selbst ein Denkmal sein. Und
der Schöpfer solcher wuchtiger Brunnen, der
Künstler, der uns hier die Jahrtausend alte
Handschrift der Natur am Felsen erstmals
sichtbar gemacht hat - - war gleichzeitig vor
Jahren der erste, der uns plötzlich neue Seiten
des in der Pflanze vibrierenden Lebens in
schillernden Stickereien zeigte. Auch was er
auf diesem Gebiete geleistet, fesselte mehr
als das Meiste, was man bisher gesehen. Freilich
, hierin wollte er, wie er selbst einmal
sagte, mehr den fröhlichen Zauber des ewigen
Wechsels des Lebens der Pflanze sichtbar
machen.

Ich sehe in diesen Stickereien denn auch
mehr das äussere Temperament des Menschen
Obrist, der lebhaft, phantasievoll, scharf und
schnell beobachtend, die Kritik des Gesehenen
und Gehörten in ein packendes, naheliegendes
Bild von metallischem Glänze umprägt.

Seine grösseren plastischen Gebilde aber
sind sein inneres Wesen, sein Charakter.
Das Feste, das Festgefügte, das Basisgebende,
das Ausprägen mehr als das Ausziselieren
aller Funktionen oder Fähigkeiten — darnach
strebt er für sich — und sucht andere
darin zu unterstützen. —

Von Obrist's figürlicher Plastik habe ich
nichts gesagt — weil sein ureigenstes Gebiet
bis jetzt nicht diese ist. Von seinen Möbeln
hätte ich wenigstens einige gern charakterisiert
, noch lieber würde ich bei den von
Obrist entworfenen Schmucksachen verweilen
. Ich bedaure es, dass er so viel

ich weiss lange nichts mehr dafür geschaffen
hat. Hier ist der monumentale
Künstler so zierlich und fein, wie es für
weiblichen Schmuck am Platze. Aber auch
hier sieht man, dass es kein Reissbrett-
Künstler ist, sondern ein auch im kleinen
tiefer Naturnachempfinder. Das Wenige, was
ich auf diesem Gebiete von ihm gesehen,
giebt mir die Vermutung, dass Obrist ein
Einziger ist, der auch im zierlichsten Geschmeide
monumental bilden kann. In den
freien Künsten fehlt es nicht an einer Fülle
von Beispielen, dass das Monumentale auch
im kleinen dargestellt werden kann im
Kunstgewerbe war es mir bisher fremd.

Alles in allem : Obrist ist unter den Künstlern
ein rocher de bronze. Er verkörpert
ein grosses dynamisches Walten, auch im
kleinen — und ohne Figürliches wie keiner.
— Trotzdem aber, nach all seinem Schaffen,
streiten sich wohl erst kleinere Kreise um
ihn. Hat man ihm aber bisher für seine
Gaben auch nur mit kleineren Gaben gedankt?

Als ich in Berlin mehrere Tage war — es
war nach der Kaiserrede über die moderne
Kunst — da kam mir's beim Anblick aller
neuen Denkmäler immer wie ein Refrain in
den Sinn: Und Obrist's Werke bleiben un-
verwendet im Lichthofe des Kgl. Kunstgewerbemuseums
ausgestellt! — Dass mir
dieser quälende Refrain in der Siegesallee,
vor dem Bismarckdenkmal, vor dem Denkmal
Wilhelms des Grossen besonders stark in den
Ohren klang — bezeichnet nur die Kulminationspunkte
meiner Empfindungen von
OßRiST'scher und - - anderer - - Kunst.

Und dabei haben Obrist's Arbeiten obendrein
noch meist einen praktischen Zweck —
einige einen ganz eminent praktischen. So
wenig seine Urnen an einem andern Platze
als einem dem Kulte der Toten geheiligten
stehen können — so sehr dürfen dagegen
seine Brunnen neben gotischen Domen gerade
so gut stehen wie neben einem modernen
Bahnhofe. Sie sind für Park und Platz geschaffen
zum gleichen Genuss. Wie lange
wird der Künstler auf Förderung warten, der
nur dann weiter und stetig seine grosse Kunst
entwickeln kann, wenn er statt zu geben
auch einmal empfängt?

w. schupp « zierleiste

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