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-^S^> NÜRNBERGER MEISTERKURSE <^-^
hatte, und dem entgegenzukommen
nun die einsichtsvolle und verdienstreiche
That des Bayerischen
Gewerbemuseums war. Es wollte
sich nicht damit begnügen, dass es
bereits durch Vorträge und Ausstellungen
auf die neu auftretende
Kunstweise aufmerksam gemacht,
dass es zahlreiche Vorbilder und
mustergültig ausgeführte Gegenstände
des modernen Kunstgewerbes
besass - - nein, Oberbaurat
von Kramer wies darauf hin, dass
es zu allen Zeiten die hohe Kunst
war, die dem Handwerk die Bahn
zur Vollendung wies und veredelnd
und fördernd auf dasselbe ein- \ /
wirkte, und dass, obwohl es gewiss
nicht unrühmlich sei, im Geiste der-Jamm
Väter zu schaffen, doch rühmlicher
sein dürfte, gerade so wie es die
Väter gethan, zu zeigen, was wir
aus uns selbst heraus und nicht in sklavischer
Nachahmung der Kunstformen früherer
Jahrhunderte zu schaffen vermögen.
Zu den neuen Wegen aber konnte nur ein
Künstler führen; es konnte nicht dem Kunsthandwerker
überlassen bleiben, sich zu etwas
emporzuschwingen, das ihm bislang fremd
geblieben war und fern gelegen hatte.
So sagte denn von Kramer mit vollem
Recht in seinen Vorschlägen zur Errichtung
kunstgewerblicher Meisterkurse: „Dem Kunsthandwerker
allein kann man es nicht überlassen
, den richtigen Ausweg aus seiner
Ä
NÜRNBERGER ME ISTER KURSE : ENTWURF ZU
EINEM WEINKÜHLER IN KUPFER UND MESSING
NÜRNBERGER MEISTERKURSE: ENTWURF
ZU LEUCHTER UND KLEIDERHAKEN «««
schwierigen Lage zu finden; es fehlt ihm
hierzu teils an Willenskraft, teils an äusserer
Anregung. Gewöhnt an eine bestimmte Kunstweise
, die ihm, weil in jahrelangem Unterricht
von erprobten Schulmännern erlernt,
als allein massgebend und erstrebenswert erschien
, fühlt er sich plötzlich vereinsamt,
wenn neue Regungen völlig veränderte Formgebungen
, eine völlig neue Ausdrucksweise
künstlerischen Empfindens in das bislang in
den Bahnen vergangener Jahrhunderte wandelnde
Kunsthandwerk bringen und ihn erkennen
lassen, dass der Quell, aus dem er
seither schöpfte, nicht mehr der frischeste
ist. Da muss eine sichere und kraftvolle
Hand sich seiner annehmen, die ihm hilft,
den neuen Weg zu beschreiten, ihn aber
auch von den vielen Irrpfaden abhält, die von
der Erreichung des richtigen Zieles ablenken."
Zwischen Vorschlag und Ausführung fiel
die Darmstädter Ausstellung des vergangenen
Sommers.
Sie ist allen Besuchern in frischer Erinnerung
, und lebendig stehen die einzelnen
Künstlerpersönlichkeiten mit ihren Werken
im Geiste vor uns.
Das erste Haus am Villenwege der Ausstellung
, das Haus Peter Behrens (vgl.
Heft 1 des lfd. Jhrgs.), zog das Auge des
Oberbaurats von Kramer auf sich. Hier
war ein Meister gefunden, welcher aus einem
angeborenen Gefühl für das Wesen, für die
Grenzen aller Mittel einer Kunst an die Neuschaffung
von Formen herangegangen war.
Er musste für die Nürnberger kunstgewerblichen
Meisterkurse gewonnen werden.
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