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NÜRNBERGER MEISTERKURSE <^=^
Und Professor Peter Behrens wurde
gewonnen.
Der im Juli 1901 ergangenen Aufforderung
des Bayerischen Gewerbemuseums Folge
leistend, hatte sich mittlerweile eine ganze
Anzahl Nürnberger Handwerksmeister besten
Könnens, Angehörige des Kunstgewerbes und
der Kunstindustrie, welche bereits über genügende
praktische und künstlerische Fähigkeiten
verfügten, darunter auch einige Damen,
zur Teilnahme an den Kursen gemeldet und
um Zulassung gebeten.
Der erste Kurs fand dann in der Zeit vom
8. Oktober bis 9. November statt.
Wenn man in Betracht zieht, dass die Teilnehmer
des Kurses mitten im Leben, in ihrem
gut fundierten Geschäfte stehen und bisher
„Nürnbergs Kunstgeschichte führt keine
gesonderten Rubriken für hohe und angewandte
Kunst, sie trennt nicht voneinander,
was durch eigne Schönheit miteinander verbunden
war, ihr gilt kein Rangunterschied
zwischen Malerei und etwa Schmiedekunst.
Peter Vischer stand Albrecht Dürer ebenbürtig
zur Seite. Das will nun heute wieder
so werden, und das ist das beste Zeichen
unserer Zeit, dass heute wieder jeder Gegenstand
, der neben seinem praktischen Zweck
durch Schönheit das Leben auch noch erhöhen
kann, wieder die gleiche Liebe des Künstlers
verlangt, wie ein Gemälde oder ein Standbild.
Aber damit ein Gegenstand durch Kunst erhöht
werden kann, muss sein Fertiger ein
wirklicher Künstler sein. Es genügt nicht,
NÜRNBERGER
MEISTERKURSE
in all ihrem Schaffen, sofern es nicht Kopie
war, aus dem Formenschatz der historischen
Stile schöpften und somit in ganz gefesteten
und auch geschäftlich ergiebigen Traditionen
lebten und wirkten, so begreift man die Grösse
und Schwierigkeit der Aufgabe, nur überhaupt
mit dem Versuch durchzudringen, hier Wandel
zu schaffen und ein neues, frisches Reis aufpfropfen
zu wollen. Aber das Gefühl des Bedürfnisses
einer Erneuerung war doch schon
zu mächtig geworden und hatte vorbereitend
gewirkt, so dass der Versuch nicht als etwas
Unnützes empfunden, sondern freudig begrüsst
wurde.
Als Professor Peter Behrens den Kurs
begann, leitete er ihn mit einigen Worten ein,
aus denen es mir vergönnt sein mag, die
folgende charakteristische Stelle zu citieren:
ENTWURF ZU EINER
SILBERNEN SCHALE
dass etwas hinzugefügt wird, was für den
Gebrauch des Gegenstandes allein überflüssig
wäre, um ihn künstlerisch zu gestalten; es
muss aus dem Wesen und Material des Gegenstandes
heraus geschaffen werden, es muss in
erster Linie die Form des Gegenstandes selbst
schön gestaltet werden. Die Erzeugnisse
älterer Stilepochen zeigen diese Reinheit
immer und oft in vornehmster Einfachheit.
Es genügt nun aber nicht, solche schönen
und vornehmen Kunstformen älterer Stile auf
unsere heutige Umgebung zu übertragen, um
Künstler in seinem Werk zu sein. Ein Kopieren
und Nachahmen ist an sich schon
keine Kunst, wenn es vielleicht auch Schwierigkeiten
macht. Vor allem haben wir heute aber
ganz andere Bedürfnisse, welche andere Formen
bedingen, zum Teil auch ein anderes
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