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-s=4sd> KÜNSTLERISCHES VON DER BERLINER HOCHBAHN <^M^
ALFRED GRENANDER
EISERNE STÜTZE « «
des Einen Möhring und das formale
der Anderen — Solf & Wichards - - kommen
in ihnen sehr deutlich zum Ausdruck. Es
fliesst doch ewig und unwandelbar der heilige
Quell der Wahrheit durch die Generationen
der Menschheit, und wenn auch hin und
wieder die Fluten getrübt erscheinen, die
unreinen Bestandteile sinken zu Boden, und
golden und klar spiegeln die Wasser das
hehre Bild der Kunst wieder.
Sehen wir so durch die neuen Lösungen
einen hoffnungsreichen Ausblick in die Zukunft
, so zeigen auch die Ausbildungen ganzer
Raumkomplexe, wie die der Bahnhöfe, ähnliche
Forderungen, ähnlichen Zwiespalt, ähnliche
Lösungen. Ehe wir jedoch kurz auf
diese eingehen, möchten wir die Steinpfeilerlösungen
in der Bülowstrasse (Abb. S. 238)
etwas näher betrachten.
Stein und Eisen treffen hier zusammen,
und zwar soll nicht nur der Stein als Widerlager
dienen, sondern er soll zugleich höher
hinaufgeführt, als Vertikale die langen Horizontalen
des Geländers interessant unterbrechen.
Die Schwierigkeit der Lösung lag also darin,
organisch die ungebundene Freiheit des hochstrebenden
Teiles mit der gebundenen des
belasteten zu vereinen; eine Aufgabe, die
sich würdig an die der Eisenstütze anreiht.
Nur an solchen Aufgaben kann sich des
Architekten neubildnerische Kraft entwickeln.
Der Pfeiler Möhring stellt eine Lösung
von solch überwältigender Kraft in der Wahrheit
des formalen Ausdruckes dar, dass ihrer
Wirkung sich auch die Architekten der übrigen
Pfeiler — Grenander, Cremer & Wolffen-
stein nicht entziehen konnten.
Wie auf der Widerlagerseite der Pfeiler
durch die Träger zusammengedrückt erscheint,
um dann an der unbelasteten mächtig heraus-
H. SOLF U. F. WICHARDS
EISERNE STÜTZE « « « « «
zuschiessen, wirkt in dem Gegensatz so
wunderbar überraschend und befriedigt doch
so ungemein durch die organische Verbindung
, dass wir die Lösung als klassisch bezeichnen
können. Die Idee, dass sich am
freigewordenen Steine in solcher Höhe die
Kreisvolute aufrollt, giebt in ganz köstlicher
Weise dieses „dem unangenehmen Druck
entsprungene" wieder. Die Volute konnte
auch erst in dieser Höhe in die Erscheinung
treten, der Stein konnte sich gewissermassen
erst an dieser Stelle seiner Freiheit erfreuen
, weil gerade durch die Höhe dem
Auge ein Mass gegeben ist, wie hoch der
Stein, nachdem er sich seiner Belastung
entzogen hat, emporschnellt. Die Höhe der
Volute am Widerlager stellte dem Auge ein
ästhetisches Gleichgewicht her. Deshalb ist
es unverstanden, die frei sich entwickelnde
Volute über dem Lager sich aufrollen zu
lassen, wie es Grenander that, der im übrigen
recht interessante dekorative Lösungen für die
östlichen Eisenportale erfand (S. 242 u. 244).
Dem Architekten lagen natürlich solche Erwägungen
fern, er fühlte nur, dass, je mehr Druck
im Widerlager, umso mehrFreiheit in der freien
Endigung sich offenbaren müsse, und dieses
gefühlsmässige Erfassen des in dem Steine
verborgen sich abspielenden Prozesses zeigt
uns deutlich, dass alle Aufgaben in der Baukunst
gefühlsmässig gelöst werden müssen.
Nur dieses Gefühlsmoment, die plastische
oder die räumliche Stimmung rückt die Baukunst
in die Reihe der anderen Künste und
bringt sie dem Gefühl der Allgemeinheit näher.
Die einzelnen Bahnhöfe zeigen die Charakte-
Dekorative Kunst. V. 7. April 1902
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