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-^4s£> ILLUSTRATIVE DARSTELLUNG DER VORZEIT <^=^
gerhard munthe « kopfleiste zur saga magnus des blinden, königs
von norwegen, der gefangen und geblendet wurde (1130-1135) « « « «
HISTORISCHE STILARTEN UND ILLUSTRATIVE DARSTELLUNG
DER VORZEIT
Ein Vortrag von Gerhard Munthe, Norwegen
Uebersetzt von Augusta Buschbell
enn wir einen Kreis
betrachten, so bekommen
wir nicht allein
einen Verstandes- sondern
auch einen Sinneseindruck
, der verschieden ist
von demjenigen, den ein
Viereck hinterlässt. Eine
Farbe macht einen anderen
Eindruck auf uns als eine
andere. Das Breite spricht
uns anders an als das
Schlanke u. s. w. Auf
diesen Thatsachen lässt
sich eine ästhetische Darstellungsweise
aufbauen, und auf Grund dieser
Ausdrucksmittel entstand die Kunst.
Die ersten Wissenschaften waren Mathematik
und Philosophie. Die Kunst kam wahrscheinlich
frühzeitig im Gefolge dieser beiden zur
Welt. Der Verstand und das Gefühl derMenschen
wandten sich zunächst zum Abstrakten, und
es vergingen Jahrtausende, die ganz von dieser
Auffassung der Dinge erfüllt waren, bevor die
gerhard munthe «
der »strohtod«,
d. i. der tod auf
dem krankenbette
Naturwissenschaften und der Wirklichkeitssinn
zur Macht gelangten. Dies ist nicht etwa
eine blosse Hypothese. Erdfunde und Ausgrabungen
erzählen davon und zeugen von
Kulturen, die auf abstrakter Kunstanschauung
beruhten. Von den Graburnen mit ihrer einfachen
Ornamentik aus Punkten und Strichen
und von den Tempelmauern mit ihren grossen
Tieren und Kriegern haben wir die Grundformen
und Gesetze, die heute noch gelten.
Dort findet sich rhythmische Kraft und eine
Macht in den Verhältnissen, eine Deutlichkeit
und Einfachheit, die wir um so mehr schätzen,
als wir sie in unserer Darstellungsweise nicht
erreichen können und sie für das allgemeine
Gefühl verloren sind.
Die landläufige Anforderung an die bildende
Kunst kommt heutzutage auf die objektive
, photographische Aehnlichkeithinaus. Und
doch liegt darin kein Kunstwert, sondern im
Gegenteil ein fremdes Element. Diese Forderung
ist nur ein Ergebnis von Anschauungen
, die gegenwärtig die Oberhand haben.
Selbst hinsichtlich des Ornaments habe ich
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