Augustinermuseum Freiburg i. Br., [ohne Signatur]
Die Kunst: Monatshefte für freie und angewandte Kunst
München, 6. Band.1902
Seite: 252
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-^4sö> ILLUSTRATIVE DARSTELLUNG DER VORZEIT

GERHARD MUNTHE « KOPFLEISTE ZUR SAGA DES KÖNIGS INGE (1137-1161

mehr als einmal den Grundsatz gehört, es
solle mit irgend etwas Aehnlichkeit haben,
irgend etwas bedeuten. Die Kunst kennt keine
andere Aehnlichkeit als die persönliche Auffassung
. Nicht einmal das Streben nach Natürlichkeit
in jenem Sinne hat etwas mit dem
Wesen der Kunst zu thun.

Die konkrete Anschauung, der Naturalismus
, ist neugewonnenes Land; die Urkunst
baute sich auf der Abstraktion auf, und diese
ist das Merkmal der Kunst. Als die Aegypter,
Assyrer und andere Völker anfingen, die Natürlichkeit
als eine Kunstforderung hinzustellen,
lag schon unendlich viel Kunst hinter ihnen.
Und niemals erschauten sie Natur, bevor sie
Würde, Pathos, Mystik und das Konstruktive
gefunden hatten. Wir sind allzu leicht geneigt
zu glauben, dass ihnen das Können gefehlt
habe. Aber versetzen wir uns in ihre Kunst
und bedenken wir, vor welcher Reife, welchem
Reflexionsvermögen und vor welchem uner-
messlichen Zeiträume wir hier stehen, so ist
es kaum möglich, bei dieser Annahme stehen
zu bleiben. Ich meine, es waren der Wille
und der Drang, die nicht vorhanden waren.
Jene Menschen hatten Lebenswerte, die in
ihrer Kunstauffassung völlig aufgingen, und sie
gaben sich nicht dazu her, diese umzuprägen.

Es giebt Leute, die „das Renntier von
Thäingen" als Beispiel dafür anführen, dass
der Drang nach Natur der Beginn und der
motor vivendi der Kunst ist. Nach meiner
Ansicht heisst das, diese wenigen, interessanten
Funde eines bescheidenen Naturalismus, der
niemals Kultur wurde, verkehrt betrachten.

Die Anlage, die Natur darzustellen, war da,
aber der Gedankengang der Zeit und die
Sprache ihrer Kunst war an einen bestimmten
Stil gebunden.

Als die Zeit gekommen war, ging die
Entwicklung der Griechen zur konkreten
Kunstauffassung über. Keine zufällige Befähigung
, sondern ihre Religion und ihre
Lebensinteressen brachten sie dahin. Wir
können die Griechen nicht hoch genug schätzen,
aber wir neigen dazu, die Kunst, die der
hellenischen vorausging, zu gering einzuschätzen
. Selbst unsere Kunstgeschichte misst
mit dem Masstabe des Naturalismus.

In gleicher Weise, wenn auch in geringerem
Grade, wäre nach meiner Meinung
die alte nordische Kunst ohne Hilfe von
auswärts zum Naturalismus übergegangen,
wenn ein Drang dazu vorhanden gewesen
wäre. Nehmen wir eine gute altnordische
Spange oder eine andere Kunstarbeit zur
Hand, so sehen wir, dass es ihren Verfer-
tigern keineswegs an Gedanken und noch
weniger an technischer Befähigung gefehlt
hat; sie fanden für alles, was ihnen am
Herzen lag, einen Ausdruck innerhalb der
gebundenen Kunst. Ihre Ideenassociationen
sind auch sicher viel reicher gewesen; ihrer
Phantasie Hessen sie einen weit grösseren
Spielraum. So haben sie z. B. zur Wikingerzeit
für das Wundersame und Schreckhafte,
das auch sonst in ihrem Leben bedeutsam
war, einen guten Ausdruck gefunden. Der
gebundene Stil war für ihre Vorstellungen die
beste Sprache. Der Glaube an die Götter

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