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~ü^> ILLUSTRATIVE DARSTELLUNG DER VORZEIT <^^~
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gerhard munthe « zierleiste aus der saga haakons des guten (10. jahrhundert)
Walhalls und die Mythen, sowie das Wikingerleben
mussten ihre Macht verlieren, ehe sie
Freude fanden an der neuen Kunst und ihren
Wert erkannten. Man glaube nur nicht, dass
auch die Künstler jener Zeit Naturstudien
machten, und dass sie wünschten Naturalisten
zu werden, aber es nicht vermochten.
Wenn wir heutzutage dies nur schwer
begreifen, so kommt es daher, weil wir keine
Empfindung dafür haben, was eine Stilart ist.
Wir entlehnen für Bauzwecke, wo wir eine
gebundene Kunst nicht entbehren können,
Stilarten anderer Zeiten, und finden dies ganz
in der Ordnung. Und doch kann es keinen
grösseren Widerspruch geben, da ein Stil der
Gedankengang seiner Zeit ist. Er wird geboren
, lebt und stirbt mit den Lebenswerten
seiner Zeit. Schon die Fortschritte, die Entwicklung
fordern ihren eigenen Stil; ihn
fordert aber in noch höherem Grade das
Temperament eines Zeitalters. Ein Stil
ist ja mehr als eine Facon.
Viele glauben, dass wir jetzt vor dem
Auftreten eines neuen Stiles stehen, vor einer
neuen abstrakten, aus unserer Zeit geborenen
Kunst. Und nach der Einstimmigkeit, mit der
alle den Engländern folgen, könnte man auf
den Gedanken kommen, dass diese das bescheidene
Verlangen der Zeit befriedigt haben.
Aber diese Stilart hat wenig Erfindungskraft,
und ihr Abstraktionsvermögen ist schwach.
Der englische Stil vermag jedenfalls nicht
den Sinn für abstrakte Kunst zu heben.
Was uns fehlt, das ist der Ueberblick'und
die Fähigkeit, die Kunst in ihrem Zusammenhange
zu erkennen. Wir machen zu viele
Einteilungen, wir rubrizieren zu viel; unser
Augenmerk richten wir zu sehr auf das Einzelne
und vergessen die Einheitlichkeit des
Ursprunges und der Ziele. Der Unterschied
zwischen dem Naturalismus und der übrigen
Kunst ist auch nicht so gross, wie wir es
lernen.
Wir sind Schüler des Klassizismus und
leben mit dem Naturalismus, den die Griechen
aufgebracht haben. Wir erkennen alle die
unermessliche Erweiterung des künstlerischen
Horizontes, und wir wissen, in welchem Umfange
jene Kunstauffassung sich die zivilisierte
Welt unterworfen hat.
Unter den Griechen können wir einen dicken
Strich ziehen; wir können ihn um ihre ganze
Kultur herumführen. Ausserhalb derselben
liegt die der griechischen vorausgehende Kunst
und die Kunst der übrigen Völker, bevor sie
in diesen Kreis eintraten. Auch die nordischen
Völker lagen bis zum elften oder
zwölften Jahrhundert ausserhalb des grie-
gerhard munthe « kopfleiste zur saga der söhne des
königs magnus, die 1102-1130 in norwegen regierten«
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