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-v»4s£> MARGARETHE VON BRAUCHITSCH <
TISCHDECKCHEN MIT MASCHINENSTICKEREI
hinter diesen Arbeiten, Temperament und
Zielbewusstheit. - - Und man irrte sich nicht!
Wenn man ihre letzten Schöpfungen betrachtet,
so empfindet man eine wahre Freude über
die schöne, gesunde, harmonische Entwicklung
dieser starken Begabung. Nachdem die
Künstlerin zwei Jahre lang ein Damenatelier
für ornamentales Entwerfen geleitet und
schöne Erfolge damit erzielte (wir berichteten
hierüber in Nr. 9 des III. Jahrgangs), hat
sie nun, um ihre Kraft nicht zu zersplittern,
sich ganz der Stickerei zugewandt, und zwar
fast ausschliesslich der Maschinenstickerei.
Als durchaus modern empfindender Mensch
fühlte sie voll den Wert einer Technik, die so
sehr dem zu entsprechen vermag, was unsere
Zeit von aller Nutzkunst verlangt: relativ
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TISCHDECKCHEN MIT MASCHINENSTICKEREI
grosse Vervielfältigungs- und Verbreitungsmöglichkeit
künstlerisch
guten Schmuckes. Mit der ihr
eigenen Energie ging sie an die
praktische Durchführung ihres
neuen Unternehmens; die nötigen
Maschinen wurden nicht etwa
bloss angeschafft und mehr oder
minder geschickte Stickerinnen
darangesetzt, nein, ehe die Künstlerin
die Kinder ihrer Phantasie
diesen übergab, wollte sie selber
das Handwerk können, voll beherrschen
. „Kein Stück darf aus
meinem Atelier, das ich nicht selbst
herzustellen vermocht hätte", sagte
sie; und rastlos wurde gelernt,
geübt, verbessert. Und was nun
geleistet wird, ist wahrlich nicht
bloss eine auf mechanischem Weg
ermöglichte Nachahmung ursprünglich für persönliche
Einzelausführung gedachter Kunstwerke
wie etwa die gewebte Kopie eines
alten Gobelins oder der Oelfarbendruck nach
einem Bild; es ist nicht die vom Standpunkt
der Kunst — unberechtigte Popularisierung
von etwas, dessen Wert in der persönlichen
einmaligen Ausführung liegt, sondern
diese Arbeiten sollen und wollen nichts
anderes sein, als was sie sind. Nach ihrer
Verwendung, der Art ihres dekorativen
Schmuckes, ihres Materials sind sie für
Maschinenbestickung gedacht; schon in die
Konzeption der Stickerei war die Art der
Ausführung mit eingeschlossen; ähnlich wie
es bei einer Originalradierung oder Lithographie
der Fall ist.
Und wie schmiegsam, wie anpassungsfähig
ist diese Technik;
wie ausdrucksvoll vermag sie in
der richtigen Hand zu werden.
Da ist keine zarte Krümmung
einer Wellenlinie, kein geheimnisvolles
Schwellen eines Blattansatzes
, ohne dass sie zu ihrem
Rechte kämen; da wird ein feines
Farbenspiel von Licht und Schatten
erreicht durch Wechsel der Strichlagen
, hier schmiegt sich der seidige
Faden tief in das Gewebe des
Stoffes, gleichsam eins werdend
mit ihm, dort wirkt er wieder wie
aufgelegt, erhöht oder umrandet
schnurartig die flächige Applikation
. Derartige künstlerisch-technische
Wirkungen wurden ursprünglich
allerdings durch das mühevolle
Schaffen unsäglich fleissiger
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