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MARGARETHE VON BRAUCHITSCH
KISSEN MIT MASCH IN EN STICKER EI
Hände erschlossen: bei dem Chinesen und
Japaner und bei Obrist-Ruchet haben darin,
glaube ich, alle gelernt, welche heute diese
Errungenschaften auch für die Maschinenstickerei
verwerten und entwickeln. Aber
dass sie dies thun und nun bei so viel
rascherer und billigerer Herstellung im stände
sind, künstlerisch zu wirken, darin liegt
eben der Wert. Denn erst dadurch ist auch
grösseren Kreisen die Möglichkeit des Besitzes
und Gebrauches solcher Dinge geboten
worden. Was das Material betrifft, mit
welchem Frau v. Brauchitsch arbeitet, so
fällt die häufige Verwendung von Leinen
oder leinenartigen Stoffen auf. Nicht nur für
Tischwäsche, die sie übrigens mit ungemein
einfachen, diskreten Mitteln sehr reizvoll zu
zieren weiss - - z. B. durch schlichte Parallellinien
mit verschiedenem Abstand, son'
dern auch für Bettüberdecken, Schlafzimmer
paravents, Vorhänge und Kissen zieht sie dies
praktische waschbare Gewebe empfindlicheren
und kostbareren Stoffen vor. Auf dem naturfarbigen
Grund wirken die weissen
Plattstichstickereien ausgezeichnet;
gerade hier kommt das oben erwähnte
, durch verschiedene Strichlagen
erzielte Licht- und Schattenspiel
der Einzelformen zu reizendem
Ausdruck.
Fast ausnahmslos waltet ein feines
und sicheres Raumgefühl: Grösse,
Werte, Verteilung der ornamentalen
Formen und Gegenformen sind massvoll
abgewogen.
Besonders hinweisen möchte ich
noch auf die hübsche Applikationsarbeit
, welche die Schleppe des
jugendlichen Hängerkleides (Abb.
S. 259) schmückt. Um sie ganz zu
würdigen, muss man sie allerdings
gesehen haben, denn der Farbenzauber
der perlmutterschimmernden Seidenstücke
auf dem Silbergrau des Grundstoffes
lässt sich nicht beschreiben. —
Es wäre nur zu wünschen, dass Arbeiten,
deren künstlerischer Wert und deren praktische
Verwendbarkeit mit ihrer Bildlichkeit wetteifern
, sich immer weitere Kreise eroberten.
Und dazu träte noch der weitere Wunsch,
wäre seine Erfüllung — wenigstens bei uns
in München nicht gar so aussichtslos:
dass einmal die Ausbildung unserer weiblichen
Jugend für schmückende Handarbeit
Kräften anvertraut würde, die wie Margarethe
v. Brauchitsch schöpferische Begabung mit
Organisations- und Lehrtalent vereinen und
in frischer verständnisvoller Begeisterung den
Geist ihrer Zeit erfassen und künstlerisch
zu verarbeiten wissen.
Wäre dies wirklich ganz unmöglich?
c.
*fi V
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