Augustinermuseum Freiburg i. Br., [ohne Signatur]
Die Kunst: Monatshefte für freie und angewandte Kunst
München, 6. Band.1902
Seite: 267
(PDF, 126 MB)
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http://dl.ub.uni-freiburg.de/diglit/die_kunst_06_1902/0279
unvollendeten Skulptur von Michelangelo ein
Recht hat, sie vollenden zu lassen, oder als
irgend eine Bibliothek auf den Gedanken
kommen wird, ihre lückenhaften alten Handschriften
ergänzen zu lassen. Es ist ganz merkwürdig
, wie völlig unentwickelt in Deutschland
dieser Pflichtstandpunkt in Bezug auf historische
Bauten noch ist, während er doch in Bezug
auf andere Kunstwerke, bis herab auf
die alte Bronzeaxt oder einen beliebigen alten
Topf, den man ausgräbt, längst feststeht. Hier
lässt man Rost und Schmutz sorgfältig haften,
um den Gegenstand nicht zu berühren; wer
würde wohl daran denken, die gefundene Axt
aufpolieren, mit einem neuen Stil versehen
und fehlende Metallteile ergänzen zu lassen?
Jeder Schulknabe sieht ein, dass damit der
Wert der Sache vernichtet wäre. Und doch
thun wir Aehnliches heute täglich mit unseren
alten Bauten. Und ein grosser Teil unserer
Architektenschaft steht auf dem Standpunkte,
dass dies ein rühmliches Unterfangen wäre.
Man sprach gelegentlich der Heidelberger Restauration
von einer That ersten Ranges, die
man verrichten würde, einer That zum Ruhme
und zur Herrlichkeit der alten deutschen Kunst.
Diese That hätte darin bestanden, dass man ein

überkommenes Zeugnis derselben vernichtet
und durch ein Falsifikat ersetzt hätte, statt es
so, wie es heute noch zu jedem empfänglichen
Gemüt spricht, sorgfältigst zu erhalten und zu
bewahren. Als Vorwand für solche Gefühlsrestaurationen
pflegen freilich immer angebliche
sachliche Notwendigkeiten zu dienen.
So behauptete man in Heidelberg, die Front
des Otto-Heinrichsbaues würde einstürzen,
wenn man den Bau nicht restaurierte. Der
Restaurator wollte nun aber darangehen, diese
altersschwache Mauer mit neuen Stockwerken
und mächtigen Steingiebeln zu belasten. Wie
reimt sich das zusammen? Wollte man etwa
auch hier das summarische Lieblingsverfahren
der Restauratoren anwenden, welches darin
besteht, dass man alte Teile abträgt und neu
aufbaut? Ein anderer Fall: in den Steinhelm
eines gotischen Domes hat in früheren Jahrhunderten
der Blitz eingeschlagen, und die
Spitze desselben trägt seitdem eiserne Bänder.
Man findet diese störend, trägt den Helm ab
und baut ihn neu auf. Während also hier
frühere Generationen ganz richtig handelten,
indem sie das Originalwerk mit irgend welchen
Hilfskonstruktionen solange zusammenhielten,
als es noch möglich war, haben wir mit unserer

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