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■^4^> ZUR RETTUNG UNSERER ALTEN BAUTEN
sogenannten höheren Schätzung der alten Kunst
nichts Eiligeres zu thun, als ein Originalwerk
zu Gunsten einer modernen Kopie zu zerstören.
Man pflegt bei dieser ganz landläufigen Operation
immer anzuführen, dass das Originalwerk
doch nächstens zu Grunde gehen würde.
Aber wäre es nicht besser, das natürliche
Ende des Originals abzuwarten, ehe man an
die Aufrichtung des Falsifikates geht? Dann
hätten doch noch einige Menschen etwas
davon, und wer weiss, alte Leute leben oft
länger, als man glaubt.
Die ganz offenbaren Missverhältnisse, die
sich auf diesem Gebiete zu erkennen geben,
haben ihren Grund in der grossen Rückständigkeit
aller heutigen Anschauungen, die
mit der Architektur zusammenhängen. Die
einfachsten künstlerischen Fragen, die auf allen
anderen Gebieten längst gelöst sind, haften
hier noch in chronischer Stockung fest. Das
Publikum sieht in architektonischen Dingen
noch immer etwas ganz anderes als in künstlerischen
, denn wie gesagt, auf jedem anderen
künstlerischen Gebiete wäre der Unfug historischer
Rekonstruktionen ein längst überwundener
Standpunkt. Selbst bei dem allseitigen
, im übrigen natürlich sehr erfreulichen
Einspruch, der sich gelegentlich der Heidelberger
Schlossfrage erhob, wurden hauptsächlich
sentimentale Gesichtspunkte gegen die
Wiederherstellung geltend gemacht: die Freude
am jetzigen Ruinenbild, die historischen Erinnerungen
u. s. w. Diese haben aber mit der
Richtigkeit oder Unrichtigkeit von Wiederherstellungen
gar nichts zu thun, es handelt
sich hier darum, dass wir einfach nicht das
Recht haben, ein auf uns gekommenes Originalwerk
umzubilden oder irgendwie zum
Zwecke einer Veränderung anzutasten. Jede
folgende Generation wird darin eine Beeinträchtigung
ihres Anteils an demselben sehen,
die Veränderung als Falsifikat betrachten und
im übrigen, das ist so gut wie sicher, der
Ansicht sein, dass die Ergänzung falsch oder
mindestens stilistisch zu beanstanden sei. Das
bringt schon die ständig fortschreitende kunsthistorische
Erkenntnis mit sich, von der freilich
die Restauratoren anzunehmen scheinen,
dass sie sich gerade auf deren Kulminationspunkt
befänden.
Wird der Heidelberger Fall eine Aenderung
in der Beurteilung der „Wiederherstellungen"
mit sich bringen? Es wäre dringend zu
wünschen. Deutschland ist hier merkwürdig
im Rückstand. In England sprach Ruskin
schon in den fünfziger Jahren die richtigen
Ansichten darüber aus. Und es ist das Werk
William Morris' gewesen, hier mit derselben
kräftigen Hand, mit der er die häusliche
Kunst reformierte, Wandel geschaffen zu
haben. Er that dies durch Gründung der
bekannten „Gesellschaft zum Schutze alter
Bauten", welche, aus einflussreichen und
künstlerisch gewichtigen Persönlichkeiten
bestehend, seit Anfang der siebziger Jahre
ihr möglichstes thut, um Aufklärung zu
schaffen, Wiederherstellungspläne zu bekämpfen
, Besitzer alter Bauten zu deren
Pflege und Erhaltung zu ermuntern, kurz im
Sinne eines thätigen Eintretens für die überkommenen
Baudenkmäler zu wirken. Versucht
eine Körperschaft oder ein Privatmann
Eingriffe in einen alten Bau in einem ergänzenden
, stilreinigenden oder rekonstruierenden
Sinne vorzunehmen, so erhebt
die Gesellschaft ihre Stimme in der Presse
und lenkt die öffentliche Aufmerksamkeit auf
den Fall. Alle einflussreichen Kunst- und
kunsthistorischen Gesellschaften gehen mit
ihr Hand in Hand. Durch das bisherige Wirken
derselben ist nun bereits eine ganz wesentliche
Aenderung in der öffentlichen Beurteilung
der Fragen eingetreten. Man kann wohl
sagen, dass es sich heute in England bei Wiederherstellungen
nur noch um kompliziertere Fälle
handelt, dass aber so einfache, die Grundlagen
aller historischen Erkenntnis verletzende Fälle
wie der Ausbau von Ruinen, die Ergänzung
unvollendeter Kirchenfronten u. s. w. von der
Tagesordnung völlig abgesetzt sind.
Eins ist hierbei bezeichnend. Die Bewegung
ging ganz vorwiegend von den Kreisen
aus, die der neuen Kunstbewegung angehörten,
wobei der merkwürdige Umstand in die Erscheinung
trat, dass gerade diejenigen sich
als die aufrichtigsten Freunde der alten Kunst
bewährten, die es ablehnten, sie bei ihrem
eignen Kunstschaffen zu kopieren. Die Beschützung
der alten Baudenkmäler ist seitdem
in England geradezu ein Programmpunkt der
Beförderer der modernen Kunst geworden.
Es trifft sich gut, dass die anbrechende Erkenntnis
des richtigen Verhältnisses zu den
alten Baudenkmälern auch bei uns eine Gemeinde
der modernen Kunst vorfindet, auf die
sie sich stützen kann. Möge jeder das Seine
thun, um in ferner auftauchenden Fällen von
Wiederherstellungsgelüsten für die Sache der
alten Originalkunst einzutreten, damit nicht
noch mehr Zeugen unserer künstlerischen Vergangenheit
mundtot gemacht und derjenigen
überzeugenden Sprache beraubt werden, die
nur aus ihrem unberührten Zustande vernommen
werden kann.
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