Augustinermuseum Freiburg i. Br., [ohne Signatur]
Die Kunst: Monatshefte für freie und angewandte Kunst
München, 6. Band.1902
Seite: 276
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-s=^> DAS BILDERBUCH ~(^^

VERKLEINERTES BILD AUS: LUDWIG RICHTER, »FÜRS
HAUS« « VERLAG VON ALPHONS DÜRR, LEIPZIG««««

urteile erwarten. Das Wort Kunst ist dem
Kinde ein leerer Schall. Um einen spassi-
gen Neuruppiner Bilderbogen würde es gewiss
gern Dürer's Marienleben dahingehen.
Was wir vom Kinde erfahren müssen und
nur von ihm erfahren können, ist etwas anderes
, nämlich das, was ihm am Bilderbuche
vorzugsweise gefällt. Denn davon haben wir
auszugehen. Das Bilderbuch ist Spielzeug,
Unterhaltungsmittel, und nur in der Form
eines solchen kann es Kunstwerk und Bildungsmittel
werden. Was hülfe uns ein
Bilderbuch von der Hand des grössten Meisters
, wenn die Kinder es langweilig fänden?

Ein Unterhaltungsmittel ist das Bilderbuch
auch in dem Sinne, dass es Stoff zur mündlichen
Unterhaltung, zur gemeinsamen Ge-
dankenthätigkeit enthält. Es wird am besten
zu zweien besehen, wobei der eine dem andern
etwas über die Bilder erzählt. Es bedarf
also wesentlich des Textes. Damit soll
nun freilich nicht gesagt sein, dass der Text
durchaus gedruckt werden müsste. Vielmehr
könnte es sein, dass das lebendig gesprochene
Wort, das der Augenblick eingiebt, auch hier
eine Wirkung erreicht, die dem fertig schwarz
auf weiss dastehenden Texte versagt bleibt.
Es giebt hübsche Bilderbücher von Crane
mit einem Text, der so ledern ist, dass man
ihn am besten ignoriert und statt dessen
jedesmal einen neuen hinzu erfindet; und
Caldecott ist ein schlagendes Beispiel dafür,
wie reich man einen Stoff bildlich ausspinnen
kann. Das meiste von der Erzählung steht
jedesmal in seinen Zeichnungen, nicht in den
paar Textzeilen. Das Kinderverschen von
baby bunting enthält z. B. ausgerechnet siebzehn
Worte. Da sind sie:

Bye baby bunting
Father 's gone a-hunting
Gone to fetch a rabbit-skin,
To wrap the baby bunting in.

Es ist ein kleines Nichts, ein Reim, den
die Mutter dem unruhigen kleinen Racker
vorsummt, wenn er nicht einschlafen will
und sie ihm die zerstrampelten Decken glättet.
Er hat nach Papa geschrien, und Papa ist
nicht da. So mag der Vers in der Kinderstube
entstanden sein, und kein Mensch hat
weiter drüber nachgedacht. Aber Caldecott
hat in zwölf Bildern eine ganze Geschichte,
einen Roman daraus gemacht. Da sitzt
zuerst auf dem Titelblatt Baby bunting in
grosser Gloria auf einem schönen Stuhl, an-
gethan mit dem neuen Kaninchenpelz und
lässt sich bewundern. Dann kommt die erste
Scene. Baby bunting soll ins Bett gebracht
werden, aber es will nicht und läuft statt
dessen mit Triumphgeschrei, in jeder Hand
eine Fahne, durchs Kinderzimmer. Endlich
ist's eingefangen und sitzt nun als Nackfrosch
auf Mamas Schosse. Aber wo ist derVater?-
Da kommt das Brüderchen, auch schon halbnackt
. Das weiss Bescheid. Es hat Papas
Reitmütze auf dem Kopfe, das Horn umgehängt
, reitet sein Steckenpferd und schwingt
die Peitsche. So ist Vater ausgeritten. Das
war das dritte Bild. Und nun kommt grosser
Scenenwechsel. Auf fünf Bildern sehen wir
Vaters Jagderlebnisse, wir sehen ihn, wie er
Adieu sagt, zum Stalle geht, wie das Hündchen
auf der Heide nach dem Kaninchen
schnuppert, an dem Vater eben vorbeigeschossen
hat. Wir sehen Vater pürschen
und endlich wieder nach Hause reiten. Und
weil er nichts geschossen hat, so kauft er
sich schliesslich beim Händler ein Kaninchen-

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