http://dl.ub.uni-freiburg.de/diglit/die_kunst_06_1902/0300
-*=4s£> DAS BILDERBUCH <ö=^~
Zweitens will das Kind bei seinen Bildern
gern fröhlich sein und lachen. Es verschmäht
alle trockene Schilderung und hat für sentimentale
Rührseligkeit schlechterdings kein
Verständnis. Es ist mit seinen schwachen
FRITZ PHILIPP SCHMIDT, DER RICHTER UND DER TEUFEL. AUS:
»DEUTSCHE MÄRCHENs ILLUSTRIERT VON F. PH. S. » DIETERICH-
SCHE VERLAGSBUCHHANDLUNG (THEODOR WEICHER) LEIPZIG
Kräften so gewaltthätig, grausam, gleichgültig
und fröhlich wie ein Nietzschescher Ueber-
mensch. Ein Bild, auf dem ein Engel eine
kranke Kinderseele in den Himmel trägt, wird
höchstens als Beispiel einer interessanten Flugbewegung
gewürdigt. Dagegen darf man die
begründete Befürchtung hegen, dass z. B. Darstellungen
sehr verwerflicher Tierquälereien
einem freudigen Verständnis begegnen würden.
Es sei natürlich ferne von uns, dergleichen zu
empfehlen. Wohl aber dürfen wir in unsern
Bildern mit dem Kinde
lustig sein. Dass sich selbst
die heiligen Vorstellungen
der Bibel und des Gebetes
in heiterer Form spielend
darstellen lassen, hat uns
ja Ludwig Richter gezeigt,
wenn wir es nicht schon von
Albrecht Dürer wüssten.
Dürer's grosses Meisterwerk
einer frommen Launigkeit
, seine Randzeichnungen
zum Gebetbuch Maximilians
, die in den billigen
Faksimile - Reproduktionen
Hirth's eine neue Popularität
gewonnen haben, sind
freilich für Kinder unverständlich
. Aber in seinem
Marienleben ist etwas vom
gleichen Temperament lebendig
nur gedämpfter.
Und das Marienleben, in
der Hamburger populären
Ausgabe auch dem Unbemittelten
zugänglich, ist ein
vortreffliches Bilderbuch für
Kinder. Es fehlt ihm, um
in allen Einzelheiten leicht
und sofort verstanden zu
werden, nur das Gewand
unserer Zeit in den Aeusser-
lichkeiten der Tracht und
des Gerätes. Das lässt uns
in diesem Falle Ludwig
Richter den Vorzug geben.
Wer in seinen Kinderjahren
nicht Bilderbücher wie den
„Sonntag" oder das „Vaterunser
" Richter's besehen
hat, der ist um einen Schatz
der Erinnerung ärmer. In
reiferen Jahren rindet man
nicht mehr so leicht den Weg
in das Innerste Richter-
scher Kunst. Wer den Ernst
des Lebens geschmeckt hat,
der wird hier leicht von Schönfärberei und
dem ewigen Geigen auf wenigen Saiten reden,
wo das Kind gleich alles glaubt und versteht.
Der Humor Richter's ist freilich mehr jene
stille sonnige Heiterkeit als die Laune, die
zum Lachen reizt. Diese laute Lustigkeit, für
284
http://dl.ub.uni-freiburg.de/diglit/die_kunst_06_1902/0300