http://dl.ub.uni-freiburg.de/diglit/die_kunst_06_1902/0305
DAS BILDERBUCH
»DA KAM ES ZUR SONNE, ABER DIE WAR ZU HEISS UND
FÜRCHTERLICH UND FRASS DIE KLEINEN KINDER". «««
a. weisgerber, illustration zu »die sieben raben«. aus »ger-
lachs jugendbücherei« « verlag von m. gerlach & co., wien
bücher empfehlen zu sollen. Meine persönlichen
Beobachtungen haben mich — freilich
ohne Physiologie — zu dem umgekehrten
Resultat geführt. Mir scheint vielmehr das
farblose Bilderbuch erst dann in seine Rechte
einzutreten, wenn durch die rein verstandes-
mässige Erziehung der Schule, in der die
Phantasie des Kindes ihre Flügel nicht mehr
regen darf, die naive Schaulust beeinträchtigt
wird. Dann, wenn der Text anfängt, das Kind
mehr zu interessieren als das Bild, wird das
Bilderbuch vom illustrierten Buch abgelöst.
Aber auch dann noch kann das Bilderbuch
gleichwohl seine Daseinsberechtigung dadurch
verlängern, dass es mit seinem Inhalt an
Gegenstände des Unterrichts anknüpft.
Am nächsten liegt wohl der Stoffkreis
der biblischen Geschichte,
weil er dem Kinde, schon ehe es
die Schule betritt, nahe gebracht
ist. Aber leider befinden wir uns
hier in einiger Verlegenheit, wenn
wir uns unter den Zeitgenossen
nach guten religiösen Bilderbüchern
umsehen. Ueberall stossen wir, im
Bild wie im Text, auf die zuckrige
Phrase, das widerwärtigste Konfekt
, das man für Kinder zusammenbraut
. Es wäre vorschnell,
dies auf den endgültigen Niedergang
der Religiosität zurückzuführen
. So weit sind wir doch
noch nicht. Eher könnte man den
vorübergehenden Einfluss einer
missverstandenen phantasiefeindlichen
Wissenschaftlichkeit hier
vermuten. Eine neue Belebung des
Kunstgefühls und der schaffenden
Phantasie im deutschen Volke wird
zweifelsohne auch die Religiosität
neu beleben - - in welchen Kunstformen
steht dahin. Einstweilen
jedenfalls empfinden wir den überkommenen
Stil religiöser Bilder
als überlebt. Aber bis wir uns
über einen neuen Stil klar geworden
sind, müssen wir auf die
besten der älteren biblischen Bilderwerke
zurückgreifen, wenn wir
unsere Kinder beschenken wollen.
Ludwig Richter verdient auch
hier als der kindlichste den Vorzug
. Ernster und pathetischer ist
die Sprache, die Schnorr in seiner
Bilderbibel redet. Und doch ist auch
dieses klassische Denkmal deutschen
Holzschnittes dem Kinde
wohl verständlich. Dasselbe gilt
von Führich's kostbarer ausgestatteten Bilderwerken
(Er ist auferstanden, Legende vom
heiligen Wendelin). Nur ist hier zu bedenken,
inwieweit der katholische Standpunkt des
Künstlers die Verbreitung seiner Bilderbücher
etwa beschränken könnte. Sonst müssen wir
hier noch weiter in die Vergangenheit zurückgehen
, zu Dürer's Marienleben und Hol-
bein's Bildern zum Alten Testament. Zu
bedauern ist es, dass nicht auch das Seitenstück
zu Holbein's Werk, die Bilderbibel
Sebald Beham's, in billigen Reproduktionen
zu haben ist. Georg Hirth könnte hier
einen Nachtrag zu seiner Liebhaberbibliothek
alter Illustratoren liefern. Sehen wir nun vom
biblischen Kreise ab, so sind bereits mit
a. weisgerber, illustration zu »die eule«. aus »gerlachs
jugendbücherei« « verlag von martin gerlach & co., wien
Dekorative Kunst. V. 8. Mai 1902.
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