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-^4s£> DAS BILDERBUCH <^n?-
»FLUGS GRIFF DIE KRÄHE KORNBLÜMCHEN MIT IHREM SCHNABEL AN SEINEM BLAUEN KLEIDCHEN
UND FLOG MIT IHM WEIT, WEIT WEG, IMMER WEITER--«
AUS: AGATHA SNELLEN, »KLAPROOSJE EN KORENBLOEMPJE«, EEN SPROOKJE MET TEEKENINGEN
VAN L. W. R. WENCKEBACH « VERLAG VON C. A. J. VAN DISHOECK, AMSTERDAM «««««««««««
ZU UNSEREN ILLUSTRATIONEN
Zwei Anforderungen muss ein gutes Bilderbuch
erfüllen: das Kind fesseln und
das Kind in dem Sinne erziehen, dass es
dessen Anschauungsvermögen und dessen
Phantasie entwickelt. Es muss also künstlerisch
gut sein, ohne an Interesse für das
Kind zu verlieren. In wie mannigfacher
Weise das Problem zu lösen ist, wenn
auch zuweilen der eine Faktor vor dem andern
in den Vordergrund tritt, — das sehen wir
aus unseren Illustrationen: Gehen wir von
Steinle und Schwind zu Ludw. Richter,
von diesem zu Busch und Oberländer und
der viel zu wenig beachteten Marie Olfers
(Abb. Seite 279): —Jeder von ihnen wandelte
seine eigenen künstlerischen Bahnen und fand
auf ihnen den Weg zum Kinderherzen.
Von diesem Standpunkt aus verdienen,
was Deutschland betrifft, drei Erscheinungen
der jüngsten Zeit vor allem hervorgehoben
zu werden: Ernst Kreidolf's Bilderbücher,
der alljährlich bei Schafstein & Co. in
Köln erscheinende „Knecht Ruprecht" und
„Gerlach's Jugendbücherei" in Wien.
Kreidolf ist seiner ganzen Veranlagung
nach prädestiniert zum Märchen-Illustrator.
Auf Weg und Steg wird ihm die Natur zur
Märchenwelt: Blumen, Blätter, Bäume,
Wolken und Himmelsgestirne leben sich
vor ihm aus, offenbaren sich dem „Sonntagskind
" in tausenderlei geheimnisvollen Gestalten
: lieblich und drollig, feierlich und
schreckhaft, immer und überall aber voll
Seele und Ausdruck, voll Bewegung und
unerschöpflichen Einfällen. Man fühlt: er
braucht die Form für sein Empfinden nicht
erst zu suchen und aufzubauen, sondern er
sieht die Dinge so, erlebt sie und giebt sie
wieder. Man muss nur so etwas betrachten,
wie das Vorsatzpapier zu den „Schlafenden
Dekorative Kunst. V. 8. Mai 1902.
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