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aus: kate greenaway, »a day in a child's life« « « mit
erlaubnis der verleger frederick warne & co., london
DAS MODERNE ENGLISCHE BILDERBUCH
Von Anna Muthesius-Trippenbach, London
Es ist kein Zufall, dass gerade England, wo
die höchste Stufe in der Pflege und Erziehung
des Kindes erreicht worden ist, im
Laufe des vergangenenjahrhundertsam meisten
gethan hat, um die Kunst in das Leben des
Kindes zu tragen. Das beste Ausdrucksmittel
dafür, das Bilderbuch, steht seit zwanzig
Jahren auf unerreichter Höhe, und kein Land
der Welt kann sich in dem Reichtum an
künstlerisch wertvollen Kinderbüchern mit
England messen.
Es hat indessen auch hier einer langen
Zeit bedurft, ehe man zu der Erkenntnis kam,
dass nicht nur das Ohr des Kindes für gute
Erziehungseinflüsse offen zu halten sei, sondern
dass auch das Auge ein Vermittler und
vielleicht ein viel besserer als das Ohr sei,
um den Sinn für das Gute und Schöne in
der Kindesseele zu entwickeln. Das Bilderbuch
, wie es zu Anfang des neunzehnten
Jahrhunderts beschaffen war, konnte weder
um das Kind des dunklen London Helligkeit
verbreiten, noch dem Kinde, das den Sonntag
durch lebhafte Spiele nicht entweihen darf,
einen Ersatz bieten für einen verbotenen
lustigen Ringelreihen oder einen einzigen vom
Sonntag verbannten Purzelbaum. Die wenigen
Kinderbücher, die damals existierten, schienen
nur dazu vorhanden zu sein, das Werk des
Erziehers in wenig verhüllter Form fortzusetzen
, sie enthielten Belehrungen in Geographie
, Naturgeschichte, Gewicht und Mass,
sie stellten das Böse an den Pranger und
belohnten das Gute. Gullivers Reisen und
Robinson Crusoe waren zwei kostbare Perlen
in dieser Armut, die übrigens gar nicht ein-
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