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-S5=4s£> DAS MODERNE ENGLISCHE BILDERBUCH <^=^
R. ANNING BELL, TITELBILD ZU »JACK
THE GIANT-KILLER AND BEAUTY AND THE
BEAST« « MIT ERLAUBNIS DER VERLEGER
J. M. DENT & CO., LONDON ««««««««
schade, dass sein Vorbild nicht mehr auf
die Erscheinung des deutschen Kleinstadtkindes
gewirkt hat, dessen Aeusseres mit
dem glatt zurückgekämmten, in Zöpfchen
geflochtenen Haar, mit dem bunt karrierten
Wollkleide und der bläulich-weiss gestärkten
Kittelschürze dringend bedürfte, einmal
nach Schönheitsgesichtspunkten umgemodelt
zu werden, nachdem bisher nur die
praktischen eine Rolle gespielt haben.
Die Bücher der Greenaway sind vor
allen Dingen geschmackvoll. Sie hat vielen
Sinn für das Dekorative, umwindet ihre
Bildchen mit blühenden Kränzchen und lässt
sich nicht die eigenartige Wirkung eines
englischen Gartens mit geraden Buchsbaumhecken
und beschnittenem dunklem
Taxus entgehen, deren steifer Hintergrund
ihre lieblichen Kindergruppen um so beweglicher
erscheinen lässt (Abb. S. 300/1).
In ihrer künstlerischen Auffassung steht sie
sichtlich unter dem Einflüsse der Schule
Fred Walker's, jener sentimentalen aber
doch sehr anziehenden Gruppe von Malern,
welche sich um die siebziger Jahre der Gunst
des englischen Publikums so sehr erfreute.
Man bemerkt dieselbe Verteilung der Figuren
in die Landschaft, dieselbe süsse Melancholie,
Grazie und Feinheit wie dort. Ihre entzückend
abgewogenen Farben täuschen oft über Mängel
in der Zeichnung hinweg, in diesen Farben liegt
ein Hauptverdienst ihrer Bücher überhaupt.
Die Absicht, Bücher für die Kinder zu
schaffen, hat Kate Greenaway nur bis zu
einem gewissen Grade erreicht, sie malte
Kinder, aber nicht für die Kinder! Kinder
interessieren sich nur für ihresgleichen,
wenn sie ihr Mitleid, ihre Bewunderung oder
ihren Abscheu erregen, aber diese Kinder
thun gar nichts Aussergewöhnliches, sie sind
Muster der guten Sitte, sie sind für das Kind
langweilig.
AUS: LAURENCE HOUSMAN, »A FARM IN FAIRY
LAND« « MIT ERLAUBNIS DER VERLEGER KEGAN
PAUL, TRENCH, TRÜBNER & CO., LONDON * «
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