Augustinermuseum Freiburg i. Br., [ohne Signatur]
Die Kunst: Monatshefte für freie und angewandte Kunst
München, 6. Band.1902
Seite: 342
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http://dl.ub.uni-freiburg.de/diglit/die_kunst_06_1902/0364
NEUE INTERIEURS

von Karl Scheffler

Im modernen deutschen Kunstgewerbe giebt
es fast nur Originalitäten; noch immer
fehlen die guten Verarbeiter der gegebenen
Ideen, und man kann um so weniger auf ihr
Erscheinen rechnen, als sie nicht aus den
staatlichen Kunstschulen hervorgehen, sondern
sich autodidaktisch heranzubilden pflegen. Und
doch sind die Popularisierer der primären
künstlerischen Ideen dem Markte zur Zeit
viel wichtiger als immer neue Entdecker.
Mancherlei Eigenschaften sind solchen Kulturarbeitern
nötig, deren Ruhm darin besteht,
sich als dienende Glieder einem Ganzen
anzuschliessen. Sie müssen die Träger
frischer, in aller geistigen Dienstbarkeit doch
freier und selbständiger Begabungen sein,
müssen viel Verantwortlichkeitsgefühl und

sofa « entworfen von rud. lind fia wille
ausgeführt von a. s. ball, berlin « « « «

zugleich einen durchaus praktischen, aufs
Wirkliche gerichteten Sinn ihr eigen nennen.
Natürliche Begabung ist ja bei Autodidakten
stets vorhanden, denn nur durch sie wird
die Schule überflüssig gemacht; es liegt aber
oft die Gefahr vor, dass das eigene — produktive
Vermögen überschätzt und die Rezep-
tivität für Originalität gehalten wird. Damit
verschwindet dann meistens der ruhige, sichere
Blick für das individuell und sachlich Nötige,
und es zeigen sich die unerfreulichen Erscheinungen
artistischer Grossmannssucht,
wodurch gerade in unseren Tagen die besten
Ideen ad absurdum geführt werden. Solchen
Verirrungen der Eitelkeit sind jene Gewerbekünstler
unterworfen, die einen Buchdeckel
für eine nationale Heldenthat, einen
Schreibtisch für ein unsterbliches
Kunstwerk halten.

Zu der kleinen Schar von
Künstlern, die, ohne gerade revolutionäre
Neuerer zu sein, ihr
nicht geringes Talent vernünftig
in den Dienst der Idee stellen,
gehören an erster Stelle R. und
F. Wille. Das Ehepaar ist ganz
bescheiden von Stickereien und
Buchzeichnungen ausgegangen
und hat sich Schritt vor Schritt
neue Gebiete erobert. Dabei zeigte
es sich überzeugend, wie weit
man kommt, wenn man seine
Kräfte genau kennt und sie darum
klug konzentrieren kann. Wille's
Ornamentik ist in solchem Pro-
zess immer selbständiger geworden
und hat schliesslich der neuen
Linienkunst eine besondere Nuance
hinzugefügt. Was zuerst
nur Produkt der Anregung war,
gewann allmählich seiner selbst
wegen Geltung, weil es sich,
durch gewisse Vorzüge des guten
Geschmackes, über manches Vorbild
erhob. Es wäre gut, wenn
sich alle Nutzkünstler, die unter
ähnlichen Voraussetzungen arbeiten
, ebenso klar darüber wären,
aufweiche Eigenschaften des Charakters
ein Talent sich stützen
muss, wenn es wachsen soll.
R. und F. Wille haben jetzt

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