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-=^^> BELEUCHTUNGSKÖRPER VON HANS WAGNER <^Mt~
man die Atmosphäre der Mode nennen könnte.
Was die meisten Käufer bestechen wird, muss
der Kunstbeurteiler aus ästhetischen Gründen
bedenklich finden. Die Grenze zwischen den
Gebieten des Ornamentalen und Tektonischen
ist oft haarscharf; sie jedoch genau zu kennen,
ist die vornehmste Aufgabe des Interieurkünstlers
. Pankok's Möbelverzierungen z. B.
sind streng tektonisch, befinden sich an den
Knotenpunkten des Konstruktionsproblems und
illustrieren die Logik des Gefüges; nicht zu
reden von den ornamentalen Funktionshölzern
und tektonischen Ornamentgebilden van de
Velde's. In Wille's Möbeln aber bleibt das
Ornament oft noch Dekoration und ist nicht
durchaus logisch bedingt. Die Weiterentwicklung
wird im Sinne einer Verbindung
der logischen und der schmückenden Idee
erfolgen müssen. Das Erstrebenswerte ist
die Synthese, in der das Tektonische ornamental
und das Ornamentale tektonisch gedacht
ist.
Farbig wissen die Künstler stets sehr feinsinnig
anzuordnen. Der geschärfte Geschmack
für Tonwerte, den Frau Wille in den Stickereien
so oft bewiesen hat, kehrt in den Teppichen
wieder und verrät sich in vielen
Einzelheiten dieser Arbeiten. Recht wird er
sich natürlich erst entfalten können, wenn
die Interieurs ein festes Heim gefunden
BELEUCHTUNGSKÖRPER « ENTWORFEN UND
AUSGEFÜHRT VON HANS WAGNER, GRÜNA «
BELEUCHTUNGSKÖRPER « ENTWORFEN UND
AUSGEFÜHRT VON HANS WAGNER, GRÜNA «
haben und nicht mehr auf die weitläufigen
Ladenräume angewiesen sind.
Die vier ausgestellten Zimmer sollen zusammen
etwa 4000 Mark kosten. Solche
relative Wohlfeilheit ist sehr zu loben; um
so mehr, als das Material durchaus edel ist
und die Ausführung tadellos scheint. Die
angewandte Kunst muss endlich vom Ausstellungsobjekt
loskommen und wahrhaft
marktfähig gemacht werden. Damit ist nicht
nur dem Publikum gedient, das sehr gerne
kaufen möchte, wenn es sicher ist, für die
üblichen Preise solide Arbeiten neuen Stils
zu erwerben, sondern auch den Künstlern,
die in dieser Weise endlich einmal ein Verhältnis
zur Nachfrage finden. Gerade Talente
wie diese, die nicht den artistischen
Eigensinn der Entdecker aber doch die sichere
Haltung des guten Geschmackes haben, suchen
lebhaft die Möglichkeit zu praktischer Be-
thätigung. Ohne Hilfe von sekundären Begabungen
wird das Neue, das wir schon
unser eigen nennen, nie popularisiert werden
können; darum ist es sehr zu wünschen,
dass solchen ein umfassendes Thätigkeitsgebiet
geöffnet wird. Was die Dufrene, Landry
u. s. w. für Frankreich sind, das können R.
und F. Wille für Deutschland werden.
Auch von dem Dresdener Künstler M. A.
Nicolai gilt vieles von dem Gesagten. Die
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