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NEMESIO DE MOGROBEJO
Von Dr. Adalbert von Drasenovich, Graz
Zwei Gedanken sind es, die in der modernen
Plastik besonders stark nach Verwirklichung
ringen. Der eine, welcher allerdings
schon mit dem Namen Michelangelo's für
alle Zeiten verknüpft ist, fordert lebhafte,
aber gebundene Bewegung, stärksten, aber
verhaltenen Ausdruck, knappste Sammlung
der Formen, strengsten Umriss der Masse
und findet seinen Gegensatz in der lauten,
nach allen Richtungen zerflatternden Gestaltung
des Barock. Der andere, der schon in
der Gotik gelebt hat, findet das Hochziel der
Plastik nicht in der freien, überall aufstellbaren
Figur, sondern im Schmuck der gegebenen
Dinge; die Figur ist ihm kein Selbstzweck
, sondern ein dienendes Glied der
Raumgestaltung, die Plastik eine ornamentale
Kunst. Uns aber sind diese beiden Gedanken
nicht in bewusster Anlehnung an jene Vorgänger
, sondern aus dem liebevollen, fast
leidenschaftlichen Materialgefühl unserer Zeit
gewachsen: Stein soll nie die ihm eigene
Struktur, Metall nie die erstarrte Flüssigkeit
vergessen lassen, das Material soll sich selbst
treu bleiben, aus seinem beschränkten Wesen
seine besten Wirkungen ziehen. Dass dieses
Materialgesetz freilich keine ewige Regel,
kein einziger Weg ist, ergiebt sich schon
aus der Erkenntnis der Kunst als einer Lebens-
äusserung, welche mit den Lebensformen
wechseln muss, und wird bestätigt durch die
geschichtliche Erfahrung, dass grosse Kunststile
, wie Renaissance und Barock, zum Teil
auch die Klassik, dieses Gesetz wenig geachtet
haben. Dass es aber gegenwärtig als
neu, umwälzend und alleinseligmachend empfunden
wird, scheint mir ein Beweis für die
unserer Zeit innewohnende Schaffenskraft,
für ihren nicht eklektisch nachahmenden,
sondern selbstherrlichen Willen. Bildhauer,
welche formal aus diesem Gefühle, inhaltlich
aus einer Seelenstimmung unserer Zeit heraus
schaffen, wird man daher im tieferen Sinne
modern nennen können, wenn nämlich dieses
Wort mehr bezeichnen soll als die Eigenschaft
eines Zeitgenossen oder die Beugung
unter eine Tagesmode.
Es verdient Beachtung, dass Spanien,
welches kürzlich in der Malerei mit Zuloaga
sehr entschieden den Weg zeitgemässer Entwicklung
betrat, auch in der Bildhauerei die
Fesseln der akademischen Konvention abzustreifen
beginnt. Wenigstens ist ein solcher
in der Gegenwart wurzelnder und durch
seine Jugend in schöne Zukunft weisender
Künstler der Baske Mogrobejo, von dessen
Werken das vorliegende Heft einige abbildet.
Das früheste, aber vielleicht immer noch
stärkste, wenn auch befremdlichste ist der
Pierrot, den er 1897 in Paris mit grossen
Kosten über verlorenes Wachsmodell in
Bronze giessen Hess. Inhaltlich ist es kein
gewöhnlicher Pierrot, der etwa seiner Co-
lombine ein Ständchen bringt, sondern die
Verkörperung des hinter bitterer Grimasse
sich verbergenden Weltschmerzes; etwa die
Stimmung, welche Leoncavallo's Bajazzo
mit den Worten anschlägt: „Hüll' dich in
Tand und schminke dein Antlitz", oder
Verlaine mit seinem: „Ce n'est plus le
nemesio de mogrobejo « bronzeplatte
von dem grabe in graz «
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