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~b*4^> MODERNE INNENEINRICHTUNGEN
innerlich, nicht nur dem bezahlten Nennwerte
nach, zugehört. Der wahre Aristokrat wird in
der Wahl der Inneneinrichtung so gewissenhaft
als möglich sein und nicht nur seinen Geldbeutel
, sondern auch seinen Geist und Geschmack
, seine Person, sein Ich, seinen Stolz,
seine Prätentionen und Aspirationen mitarbeiten
lassen. Und stets muss ihn das
Gesetz der Harmonie leiten. Die Vornehmheit
ruht wesentlich in der Harmonie. Das
kostbarste Möbel in ein unpassendes Milieu
gestellt, wirkt ordinär oder geschmacklos.
Aber jede intime Beziehung in Farbe und
Form zwischen Wand, Decke, Fenster, Diele,
zwischen Möbel und Tapete, zwischen Teppich
und Gardine, zwischen Thürumrahmung
und Möbelarchitektur wirkt harmonisch und
zugleich vornehm.
Dazu kommt die Frage des Bedürfnisses
und des Zweckes. Wahrhaft vornehm und
wahrhaft künstlerisch wirkt nur das, was für
einen bestimmten Zweck in dieser vorliegenden
Art gedacht ist. Jeder überflüssige Luxus
und jede nicht zweckmässige Zierform wirkt
parvenuenhaft und ordinär. Hier berühren
wir den Krebsschaden des modernen „Jugendstiles
". Die Zierformen sind an diesen Möbeln
meistens nicht nur nicht zweckentsprechend,
sondern zweckstörend. Sie sind nicht nur überflüssig
, sondern hinderlich. Die betreffenden
Möbel sind daher Karikaturen, die auf
tischchen und sessel « entworfen von rich. müller
• « « ausgeführt von k. m. seifert & cie., dresden « • «
toilettetischchen « entworfen
von rich. müller « ausgeführt
von k.m. seifert & cie., dresden
die Bühne eines Ueberbrettls sehr gut
passen, aber in einem deutschen Heime
nur lächerlich wirken und auf die Dauer
hinderlich sind der Besitzer kennt
nur zwei frohe Augenblicke: als er die
Möbel einkaufte, und als er sie wieder
los wurde.
Von dem oben eingenommenen Standpunkt
aus wird die Beantwortung der
schwierigen Frage nach der Wahl des
Stiles erleichtert. Denn Stil ist Persönlichkeit
. Bei der Schöpfung eines
neuen Stiles ist das erste, dass sich
Persönlichkeiten finden, welche ihrem
individuellen Empfinden nach ihre Umgebung
gestalten. Aus der gegenseitigen
Berührung und Beeinflussung dieser
Individualitäten bildet sich unter einem
gemeinsamen Himmel, in einem Lande
und aus einem zusammengehörigen
Volke heraus der Stil. Will man also
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