http://dl.ub.uni-freiburg.de/diglit/die_kunst_06_1902/0392
^g5> UNTERRICHT IM KUNSTGEWERBE <^=u^
PAUL KERSTEN
Kulturarbeiter zu ziehen. Lächerliches
Begehren! Unter all seinen
Leuten findet er vielleicht einen
versprengten Idealisten. Die anderen
, mit den oft geschickten
Fingern, fühlen sich nebenbei wohl
ganz gerne als Stützen der neuen
Bewegung und brüsten sich auf
den Korridoren vor ihren Kameraden
, die noch bei irgend einem
alten Barockprofessor schwitzen;
aber die nüchterne Notwendigkeit
des Arbeitsmarktes verlieren sie
doch nicht einen Augenblick aus
den Augen, und sie gehen nur
mit dem Lehrer, solange dessen
modernen Allüren von der Mode
nachgefragt wird. Zur Selbst-
ums Dasein. So lange der „moderne
Stil" en vogue ist, gehen
sie zu Eckmann; erfolgt eine Reaktion
wie eben jetzt, so ziehen
sie eine Thür weiter zum Dekorationsathleten
Max Koch oder
eine Etage höher zum Allumfasser
Döpler. Von Talent, das heisst:
von Künstlerwillen und gestaltender
Energie ist keine Rede; sie
wollen nicht ein Prinzip zur Geltung
bringen, sondern im breiten
Strom der Mode möglichst behaglich
zu Thal treiben. Nun sollte
ein Eckmann versuchen, aus
solchem Material, aus der Halbbildung
in ihrer abschreckendsten
Form, einen Stamm selbständiger
PAUL KERSTEN
PAUL KERSTEN
ständigkeit gelangen sie nie, weil
alle Vorbedingungen des Charakters
, des Intellekts und der Begabung
fehlen: ihnen bleibt nur
die Nachahmung. Der ganze Fortschritt
besteht darin, dass hier
nicht mehr historische Stile nachgeahmt
werden, sondern dass
die individualistische Manier des
Lehrers als Vorbild dient. Auf
Nachahmung sind die Schulen
ganz bewusst eingerichtet und mit
Recht; denn diese Intelligenzen
sind nur mit Hilfe ästhetischer
Begriffsstützen, mit einer Sammlung
allgemeingültiger Gewerbeschönheiten
zu erziehen.
Es ist vor drei Jahren an dieser
Stelle vorhergesagt worden, dass die
Imitationen in der Eckmannklasse
370
http://dl.ub.uni-freiburg.de/diglit/die_kunst_06_1902/0392