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-s^> UNTERRICHT IM KUNSTGEWERBE <ösM?-
sicher begehrt worden wären, die gewiss
ebensoviel vorbildlichen Wert für manches
Gewerbe gehabt hätten, wie die Erzeugnisse
der Königlichen Porzellanmanufaktur — haben
sollten. Der Hof hätte nur dieses Unternehmen
zu protegieren brauchen, um eine
Mode ins Leben zu rufen, die ihrerseits
erzieherisch auf den Markt zurückgewirkt
hätte. In solcher Meisterwerkstatt hätte Eckmann
seine Tapeten selbst gedruckt, unter
seinen Augen wäre das Metall gehämmert,
das Holz bearbeitet worden, er hätte......
Schon gut. Ich meine ja nur. Mir wird
heiss und kalt, während ich so mit Konjunktiv
und Plusquamperfectum wirtschafte. Die
Frage ist nicht so einfach. Denn es handelt
sich darum: will die Regierung eine Politik,
die Schranken gegen den überwuchernden In-
dustrialismus auftürmt? Offenbar doch nicht.
Alles deutet darauf, dass die Industrie das
Uebergewicht hat - - trotz des erhöhten Kornzolles
. In dem Falle aber, dass bewusst Industriepolitik
getrieben wird, ist das System
der Kunstgewerbe-Schulen, die Heranzüchtung
eines Zwischenstandes, der Zeichner,
ganz logisch. Die Frage spitzt sich also zum
politischen Glaubensbekenntnis zu; und doch
glaubt man gemeinhin sie mit der Aesthetik
lösen zu sollen.
Merkwürdig ist es, dass der verstockteste
Agrarier vom Segen der Kunstgewerbe-Schulen
ebenso fest überzeugt ist, wie der liberale
Kommerzienrat. Ein bischen Kunst, meint
jeder, ziert den ganzen Menschen und die
Nation nicht minder. Es wird als Sünde
wider den heiligen Geist empfunden, als
finsteres Reaktionsgelüste, wenn man der
thörichten Bildungsmacherei unserer Tage
entgegentritt.
Jeder Künstler weiss, dass nichts schwerer
ist, als im Kunstwerk das Zuviel zu vermeiden
; in der Staatskunst ist es genau dasselbe
, und nirgends wird gegenwärtig doch
schwerer gegen diesen Fundamentalsatz gefehlt
. Alle sollen alles wissen oder doch
eine Ahnung von allem haben, das Recht
des Schwachen wird in allen Gassen verkündet
. Das Ergebnis ist, dass jede wohl-
thätige Schranke fällt und der geistige Gehalt
der Arbeit sich im Treiben der Welt
verflüchtigt. Der Durchschnittsmensch hat
mehr mit dem Verlernen zu thun als mit
dem Lernen; fast unmöglich wird es ihm
gemacht, einfach zu bleiben, einen Beruf von
Grund auf zu üben und seine Weltanschauung
aus der Arbeit der edelsten Quelle
aller Sittlichkeit - - zu gewinnen. Nach allen
Seiten muss er Dinge merken, die ihn gar-
nichts angehen, und das vollständig zersplitterte
Leben ist eifrig bemüht, den zur inneren
Sammlung Veranlagten zu zerstreuen. Und
das, während der Einzelne sozial und im
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