http://dl.ub.uni-freiburg.de/diglit/die_kunst_06_1902/0398
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Beruf nichts ist als ein Maschinenteil, während
keines der künstlich aufgegeilten Gelüste befriedigt
werden kann. Wie soll das Volk ein
rechtes Verhältnis zur Kunst finden, wenn ihre
Werke gemein sind wie Brombeeren. Es
giebt bald keinen Fetzen Papier, worauf die
nichtsnutzige Pseudokunst nicht ihre eklen
Zierate anbrächte. Das Vorrecht zur Einfachheit
hat heute nur der Wohlhabende; der
Unbemittelte muss die Fabrikkunst wohl oder
übel in den Kauf nehmen. Man sitzt auf
einem verdrechselten Stuhle, an einem Tisch,
dessen Verzierungen die Beine martern, isst
von blümchenbunt dekoriertem Geschirr,
trinkt aus ornamental geätzten Gläsern, raucht
Zigarren aus Kisten, die mit Etiketten grell
tapeziert sind, thut die Asche in dekorative
Aschbecher, liest in Büchern mit reichgezeichnetem
Einband und der letzte müde Blick
fällt auf einen mit Guirlanden und Arabesken
greulich bemalten Plafond. Der Anfang zu
einer Kultur müsste sein, dass dies alles
fehlte. Aber dazu ist wenig Aussicht vorhanden
, trotz aller idealen Kunstbewegungen.
Genau diese Kunst will das Volk, zu solchen
Ansprüchen ist es seit Jahrzehnten künstlich
ermuntert worden, das Opfer der kunstindustriellen
Spekulationswut geworden, und mit
seinen rohen Instinkten hat der Fabrikant
genau so gerechnet, wie der Kapitän es wilden
Völkerschaften gegenüber beim Tauschhandel
GEORG KLIMT « IN KUPFER GETRIEBENE WANDUHR
GEORG KLIMT « IN KUPFER GETRIEBENE WANDUHR
thut. Nun wird von den Aesthetikern Lärm
geschlagen, und das „Volk" muss seines
schlechten Geschmacks wegen allerhand
Uebles hören. Es hat aber überhaupt keinen
Geschmack, weder guten noch schlechten,
sondern nur Kunstinstinkte. Kultur entsteht,
wenn die Masse mit der Kunst nirgend zu
thun hat, als in der Kirche. Nur als religiöses
Suggestivmittel trat früher die sogenannte
Volkskunst auf; jetzt ist sie zur
grauenvollen Thatsache geworden, als industrielles
Spekulationsmittel.
Der Konsument ist ebensowohl Opfer der
Profitwut, wie der kunstgewerbliche Zeichner.
Immer neue Zeichnermassen werden in den
staatlichen Anstalten ausgebildet und überschwemmen
Werkstätten und Fabriken. Der
Industrielle bekommt die Kunst fast gratis.
Er engagiert sich Zeichner, deren Hungerlöhne
für ihn kaum in Betracht kommen,
und verlangt täglich zehn Stunden lang
Kunst, wie er von anderen Angestellten
andere Arbeitsleistungen fordert. Man vergegenwärtige
sich nur einmal, was aus den
Zöglingen der akademisch prunkenden Staatsanstalten
wird. Die einen haben in Textil-
fabriken Entwürfe in allen historischen Stilen,
bis zum „modernen" anzufertigen: nach
Sammelwerken zusammengepauste „Neuheiten
". Andere zeichnen ein ganzes langes
Leben in lithographischen Anstalten: Postkarten
mit Ansichten, Adressen, Diplome,
Plakate. Sie müssen das ganze Weltall abkonterfeien
können. Noch andere entwerfen
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