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raimondo d'aronco « innenansicht des haupteinganges
DIE TURINER AUSSTELLUNG*)
DAS BILD — DIE BAUTEN — DER KÜNSTLERISCHE ERFOLG
Von W. Fred
So ist also in diesem Jahre, als es Mai
wurde, auf italischem Boden die erste internationale
Ausstellung moderner dekorativer
Kunst mit vieler Feierlichkeit und allerlei
grossen Reden eröffnet worden. Als die Fanfaren
bliesen, der König kam und die tönenden
Worte vom Frühling einer neuen Kunst gesprochen
wurden, da war noch alles unfertig.
Vernagelte Kisten standen in halbvermauerten
Gängen und Sälen, der Regen tropfte durch
*) Der Herausgeber unserer Zeitschrift war durch
Krankheit verhindert, die Turiner Ausstellung zu
besuchen, und einer unserer bewährten Mitarbeiter,
Herr W.Fred, hatte die Güte, die Besprechung zu
übernehmen. Von dem Grundsatze ausgehend, dass
nur eine rückhaltlose Kritik, selbst wenn darin
eine Erkenntnis der eigenen Schwäche liegt, fruchtbringend
sein kann, haben wir dieselbe ohne jede
Milderung wiedergeben zu müssen geglaubt, wenn
uns auch in Vielem eine günstigere Beurteilung
von anderem Gesichtspunkte aus möglich erscheint.
Die Redaktion
die rissigen Dächer, und hier und da stand
ein Künstler und schimpfte über einen lieben
Kollegen.
Nun, wer so jahraus, jahrein, zu den Ausstellungen
fährt, gewöhnt sich an derlei. Und
doch kann ich die Bemerkung nicht unterdrücken
, dass ich niemals eine Ausstellung
so unglücklich veranstalten, so unglücklich
installieren gesehen habe. Dass noch 14 Tage
nach der Eröffnung ein Dritteil der ganzen
italienischen Sektion, ein gutes Stück der
deutschen, belgischen und österreichischen
Abteilung unvollendet war, dass selbst die
Bauten noch von Gerüsten verdeckt waren
und kein einziger Katalog fertig - das alles
sind Kleinigkeiten. Sie bieten nur den symbolischen
Ausdruck für den künstlerischen
Charakter dieser ganzen Ausstellung.
Ich kann und will es nämlich nicht verhehlen
: Ich halte die „I. Esposizione d'Arte
decorativa moderna" für ganz schlecht. Kein
Dekorative Kunst. V. ri. August 1902.
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